Perfect Sense (2011)

Es ist die Zeit für ein sinnliches Experiment, dem Überzeitlichkeit innewohnt. Ein Film, der nichts Geringeres im Sinn hat als die eigene Wahrnehmung zu reflektieren. Die Beschwörung eines Szenarios, das zwar undenkbar erscheint und dennoch mit Gewissheit vorstellbar ist. Jeder einzelne Sinn gerät in den Fokus; jede individuelle Facette, deren jeweilige Ausprägung schlicht unsere Menschlichkeit ausmacht, wird ins Visier genommen; eben jene abstrakte Größen, die uns zu dem machen, was wir sind oder glauben zu sein, deren Selbstverständlichkeit nahezu jeder Mensch Tag für Tag als gegeben voraussetzt, werden zunächst explizit visualisiert und dann — ausgelöscht.
Wie nähert sich Regisseur David Mackenzie dieser brisanten Thematik in unserem Zeitalter der drohenden Angst vor Epidemien, die nicht nur jeden Einzelnen, sondern die Masse an sich als Ziel begreift und Panik implizieren muss? Wie schafft man es ein Einzelschicksal empathisch zu charakterisieren, ohne dabei das große Ganze aus den Augen, aus dem Sinn zu verlieren? Was hat zuletzt erst »Contagion« unausgewogen wirken lassen, indem Regisseur Soderbergh zwar ein Starensemble hat mitwirken, dabei jedoch einen unscharfen Blick auf die Gesellschaft als Ganzes hat entstehen lassen?
Das sind Fragen, die sich der geneigte Zuschauer stellen mag; denn er darf von einer Produktion wie »Perfect Sense« kein Blockbuster-Feuerwerk erwarten, das bewusst zertriefend Gefühle missbraucht. Vielmehr sollte der Erwartungshorizont zum Wesentlichen, zum Besonderen hin gelenkt werden: Die Auswahl der Sinne und der einhergehenden Auseinandersetzung mit eben diesen. Außerdem impliziert allein der Titel Spannung auf gänzlich ungewohnte Weise: Welcher Sinn ist schon der perfekte bzw. gibt es überhaupt den perfekten, allumfassenden, alles überschattenden Sinn – für jeden?
Ja, es gibt ihn. Der Film zeigt das, zum Glück noch geradeso implizit. Diesen Sinn einfach zu benennen würde diesem in keinster Weise gerecht werden, weshalb er ja auch im Verlauf permanent mitschwingt. Doch neben dieser Finesse in der Inszenierung zerfällt in langsamer, zerdrückender Selbstgefälligkeit jeder einzelne Baustein des bereits wackelnden Turms. Moment. Jeder einzelne?
Hier kränkelt »Perfect Sense« etwas. Wie bereits angedeutet ist für einen solchen Film die Auswahl der Sinne entscheidend. Beschränkt man sich wie hier auf Geschmack, Gehör und schließlich Visualität, vernachlässigt man andererseits den Facettenreichtum, dessen Darstellung doch gerade interessant gewesen wäre. Der perfekte, allumfassende Sinn, der uns ausmacht, uns vor der Auslöschung begleitet, uns wärmt, tröstet, mitreißt, aber auch manchmal verärgert, ist lediglich ein Teil eines Systems, deren Spitze einzig und allein vom Geschmack, Gehör und der Visualität umrahmt wird. Die schiere Bandbreite, die dieses System zur Verfügung stellt, wurde nicht vollends ausgenutzt und wirkt daher nachträglich etwas unausgegoren.
Wahrscheinlich ist jedoch, setzt man sich mit dieser Konstellation näher auseinander, dass Regisseur Mackenzie die Soderbergh’sche Panne umgehen wollte, und zwar eine Möglichkeitsflut in Beliebigkeit zu ertränken. Denn das kann man »Perfect Sense« im Gegensatz zu »Contagion« nicht vorwerfen. Ersterer verharrt völlig bewusst den ganzen Film überdauernd personal bei Epidemieforscherin Susan (Eva Green) und Koch Michael (Ewan McGregor) und schildert lediglich bruchstückhaft, nadelstichartig die weltlichen Auswirkungen im Kontext dieser beiden. D.h. konkret wird keine gottgleiche Perspektive eingenommen, die einen Empathieverlust hinsichtlich der beiden zentralen, herausgepickten Schicksale zur Folge gehabt hätte (siehe »Contagion«) – vielmehr baut der Zuschauer hier eine Beziehung inbesondere zu Michael auf, dessen Leben nunmal auf einen eklatanten Sinn angewiesen ist: den Geschmack. Demnach scheint es doch sinnvoll, wenn auch eher als einfachste Lösung, sich auf nur drei Sinne als Zirkel um den »Perfect Sense« zu beschränken. Doch wieso eigentlich dann noch Hör- und Sehsinn?
»Perfect Sense« kriegt diesbezüglich neben den außerordentlichen Leistungen von Ewan McGregor im Zusammenspiel mit Eva Green letztlich die Kurve:: Nicht nur hinsichtlich der Pefektion ist nämlich das Medium selbst Teil der Reflexion, indem es Taubheit und vor allem sehr intensiv Geschmacklosigkeit in Form von maßlosem Hunger zur Schau stellt. Eben dort liegen die starken Momente, die das Zentrum umrahmen und den Film so sehenswert machen, bevor man schließlich, man ahnt es, als mitfühlender Zuschauer auf das Ende zusteuert, das anders nicht hätte gewählt werden dürfen, zwar vorhersehbar erscheint und dann doch die volle Breitseite an Dramatik und Emotion auffährt. Tja, das hätte, wohlgemerkt »hätte« der epische Moment schlechthin werden können…
Natürlich folgt an dieser Stelle kein Spoiler, nur ein sich selbsterklärender Hinweis auf die seichte und doch verletzende Inkonsequenz, die eine völlig einlullende, matte Starre und Gebanntheit vor dem Bildschirm zunichte machte.

Wertung: (nur) 7.5 / 10

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