Chungking Express (1994)

1994 – um dieses Jahr mit nur einem Wort zu beschreiben: Royal. Gemeint ist natürlich der Ko-[nicht-K.O.]-Sieg von Lex Luger und Bret »Hitman« Hart im legendär diskutierten Royal Rumble jenen Jahres… – nicht. Bzw. auch. Perlen der Filmgeschichte erblickten das Licht der Welt, sie zu benennen ist überflüssig, vielleicht mit Ausnahme eines gewissen »Royal mit Käse«, um in der Terminologie zu bleiben. Erinnerungen an ein Produktionsjahr, das Erinnerungen generierte. Königlich.
Beste Voraussetzungen für ein hochgelobtes, chinesisches, lange aufgeschobenes Werk aus der Hand eines Filmemachers namens Kar Wai Wong, dessen Œuvre mir bisher verschlossen blieb. (u.a. »Fallen Angels«, »2046«) Es ward also höchste Zeit und dennoch; schließlich erfüllte eine letzte Info die Sichtung: Faye Wong. Mein Gedächtnis stutzte und stutzte, eine Suchmaschine ergab die Lösung: Sie ist Schauspielerin. Nein. – Also auch. Aber ebenso Sängerin. Ihre berührende Ballade »Eyes On Me« aus dem Videospiel »Final Fantasy VIII« – royal. Es ergab sich Freude inklusive hoher, plotwendungsplosiver Erwartungshaltung. Der »Pulp Fiction«-Vergleich hatte sich irgendwie im Hirn manifestiert, das Genre einst irgendwo mit Drama und Komödie umschrieben, ließ eigentlich in keinster Weise Action erwarten – und doch war es ein persönliches Empfinden im nächsten Moment nach Start des Films Rasantheit zu erleben. Tatsächlich: Filmstart mit Verfolgungsjagd! Erwartungshaltung bestätigt. Naja, so halbwegs; die nervtötende, überinterpretierte »shaky-cam« ließ zunächst an der Abspieltauglichkeit des Films zweifeln, erübrigte dann aber weiteres Hinterfragen bei gleichmäßigem Ruckeln im gefühlten 2fps-Takt.
Und Cut.
Ein verunsichert wirkender Protagonist, vermutlich Polizist, öfter telefonierend, schwitzend, irgendwo im nächtlichen Treiben einer von Feuchtigkeit triefenden Stadt, sich umhertreibend. Er scheint verlassen und auf der Suche, nach Vertrauen? Der etwas deprimierenden Stimmung folgt ein Wirrwarr mit bedrohlichem Unterton. Bedrohlichkeit ist gut und bedeutet im Idealfall eine halsbrecherische, zerstörende Wende im Plot. Hier bleibts aber noch beim heißmachenden Vorspiel, es muss einfach noch etwas geschehen.
Drogen! Eine perückierte Dame taucht auf und ab und wieder auf, diesmal mit Drogen. Sie scheint ebenso mysteriös wie der Polizist, der nach bisherigem Verlauf auch fiesen Dreck am Stecken haben könnte; weiterhin heißt es diesbezüglich.: Abwarten! Alles wirkt ekstatisch, aufgeladen, von Hitze durchzogen – und dazu diese spürbare Feuchtigkeit, die unser jetziger Protagonist später allesamt rausschwitzen will und wird (?). Die Intensität und Kopplung von Vorspiel und Feuchtigkeit kann da doch nicht gewollt sein. Im Irren und Wirren durch die Gassen scheinen beide, besser wir drei, abzuschweifen. Zumindest die beiden plagen irgendwelche Erinnerungen – gemeinsame? Unzufriedenheit breitet sich aus, elektrisierende Anspannung; und doch keine Spannung im herkömmlichen Sinne. Es wird eine Wende geben, nur wann?
Ananasdosen! Zugegeben unerwartet, der Film erhält eine zeitliche Komponente, den 1. Mai als Stichtag. Eine Episode des noch jungen Polizisten, dessen ungezwungene Essgewohnheiten eine interessante Mischung aus Misstrauen und Sympathie generiert. Ananasdosen, die am 1. Mai verfallen. Ein romantischer und letztlich glückloser Akt des Aufarbeitens. Hier stimmt etwas nicht, und doch fängt die Atmosphäre eine herunterziehende, drückende, fast (be-)drückende Stimmung ein. Die Möglichkeit eines Psychothrillers ist noch gegeben.
In gemeinsamer Unzufriedenheit wollen beide ihre Probleme ertränken, natürlich zugleich in derselben Bar. Darf ich Ihnen die Zigarette anzünden und Licht ins Dunkle bringen? Polizist Nr. 223, unser verlassener, ist betrunken; Sonnenbrillenträgerin Miss Mystery scheinbar nicht interessiert. Irrungen und Wirrungen später finden sich beide in einem Hotelzimmer wieder. Der Zuschauer wird Zeuge eines Anblicks, der zwei Möglichkeiten nach dem Betrinken illustriert:
Schlafen und Essen.
Sie und Er.
Für sie ein Bett, für ihn einen, nein, mehrere Chef-Salat(e).
Ein Chefsalat als Bindeglied – wenn das mal nicht eine Plotwende ist. Mehr noch, bei Sichtung erlangte es den Rang einer Film-, jedoch nicht Gezeitenwende. Nach wie vor herrscht elektrisierende Ebbe, nun jedoch an der Seite des Polizisten mit Nummer 663. #223 und perückiertes, kalkulierendes Blondchen sind Geschichte. #663 ist auch Fan des Chef-Salats, stammend aus demselben Imbiss, eine kurze Begegnung beider (Chef-Salate!) besiegelt die Zepterweitergabe im Staffelfinale des ersten Drittels. Zwei weitere Drittel ist nun #663 Ansprechpartner für unsere Probleme; die Probleme mit der Rezeption, die Unmut generiert, und doch bannt. Paradox-royal. Es entsteht der Eindruck, als ob nun freie Wahl bestünde, wer der Protagonisten-Partner des Polizisten wird, Szene um Szene verstreicht, die anfängliche Verfolgungsjagd scheint ewig her – und ist ja auch nicht mehr relevant, oder doch? Hoffnung keimt auf; der Wille nach einer Plotwende war so groß, dass es letztlich tatsächlich ein plotzerreißender Moment war, der sich der Auflösung strikt verweigerte.
Faye Wong entpuppt sich als voyueristischer »California Dreaming«-Fan. Ein Song als Motiv und überstrapazierende Sequenz. Haarscharf auf der Toleranzschwelle balancierend. Besagte Anspielungen an Kalifornien können fast nicht mehr als bloße Anspielungen durchgehen. Warum Kalifornien? Keine Ahnung! Die Ex-Freundin unser aller #663 ist Stewardess. Eine mysteriöse Nachricht und die Abreise; wohin dürfte klar sein.
Zugegeben, falls Sie als geneigter Leser noch lesen sollten und sich verspoilert fühlen; ich kann Sie beruhigen. Ihnen wird der Film jetzt aller Voraussicht nach mehr Spaß machen. Das Wesentliche ist hier nicht der sich nicht wendende und doch krümmende Plot, nicht die Brisanz eines inhaltlichen Konstrukts bzw. Gerüsts, das verstanden werden will; es geht in »Chungking Express« um nichts Geringeres als Gefühl und Erinnerung. Oder Vergänglichkeit und Liebe. Oder; ja oder es existiert noch kein Bild. Alle bisherigen Zeilen verraten nichts über die existentielle Ader des Films. Ob sich allerdings das Warten lohnt oder die Frage nach dem Warten überhaupt gestellt werden darf, findet in der abermaligen Weitergabe des Zepters Beantwortung. Königlich!

Wertung: 7.0 / 10

Dieser Beitrag wurde unter 7.0 / 10, Drama, Filmkritik, Komödie veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s