Dumplings – Delikate Versuchung (2004)

Zugegeben makaber, dass dieser Film im Ursprung ein 3€-Wühltischfund aus einem großen Kaufhaus ist. Er lag ganz unten, begraben und unscheinbar unter vielen anderen, teils äußerst mäßigen Genrebeiträgen. Er war jedoch bereits vermerkt und landete entsprechend im Inventar, in freudiger Zufriedenheit über die günstige Entdeckung.
Die Wühltisch-Allegorie ist in der Tat pervers; beschäftigt sich »Dumplings« doch mit einer zur bloßen (Massen-)Ware deklarierten Versuchung, die dem verjüngenden Schönheitsideal zuträglich ist. Knusprig leicht frittiert, eingelegt in süß-saurer Soße, ummantelt von Scham und Ekel, lässt diese Ware die Jugend wieder aufblühen – bei regelmäßigem Verzehr. Neues, frisches Leben verspricht diese Nahrung; Ewigkeit und Anmut sozusagen – im Austausch für völlige, moralische Gleichgültigkeit.
Die chinesische Produktion rund um Regisseur Takashi Miike (»Audition« [1999]) setzt dabei auf elegant in Szene gesetzte, starke, lang anhaltende Bilder, deren intensive Geräuschkulisse den Gesamteindruck abrundet. Das Tempo ist mäßig, jede einzelne Einstellung wird ausgekostet und dem Zuschauer vorgesetzt, sodass durchaus das Segment des Horrorfilms bedient wird – im Kopf. Dort entstehen nämlich die grausam hinterfragenden Bilder, rund um das Leben und dessen zeitlich immanente Lebenswertigkeit. Es existieren keine Schockmomente zur Auflockerung, die Inszenierung verharrt in permantem Schockzustand.
Natürlich entflammt im Film herbe Kritik – sei es an der Begierde stets ein Schönheitsideal zu erfüllen, dessen Vergänglichkeit nicht akzeptiert wird, oder aber der sich hingebenden Lust, umgeben von Untreue, Anziehung, Maßlosigkeit und unreflektierten Moralentscheiden. Sije als ergrauter, und dennoch fidel wirkender Mann gerät diesbezüglich in den Fokus, bedient er doch auch einen Fetisch mit dem Verzehr lebendiger, frisch geschlüpfter Küken. Nach außen hin wirkt auch er normal, erfolgreich, geleckt und … unauffällig. Innerlich dürstet es ihn nach Sex, immerzu! Er hat eine Affäre, blutjung, und beachtet seine Frau Qing aufgrund ihres fortgeschrittenen Alters kaum noch. Qing fasst daher einen folgenschweren Entschluss, indem sie sich in die Obhut der Köchin Mei begibt.
»Dumplings« entfacht Neugier bei der Rezeption – das ist das, was ihn auszeichnet. Trotz linearem Erzählstrang, wenig Standortwechsel und verharrenden Schnitten ist es der allumfassende Hintergrund, der mit Fragen bombadiert. Lässt sich der Zuschauer auf ein Gedankenspiel ein, könnte er Gefahr laufen sich selbst ein bisschen besser kennenzulernen. Die eigene Gier ist bei genügend großem Abstand vergleichsweise leicht zu maßregeln – zumal hier die fernöstliche Kultur überwiegend schwer zugänglich ist – und dennoch gewährt dieses filmische (Früh-)Stück eine unangenehme Nähe und Konfrontation mit einer beschämenden Facette unseres moralischen Ichs. Ihn daher mit dem Prädikat »Absolut Sehenswert« [7.5 / 10] zu titulieren, lässt die anfängliche Perversität schließlich ein letztes Mal aufflackern.

Wertung: 7.5 / 10

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