Psycho (1960)

Dieser Text ist keine gewöhnliche Kritik. Er handelt von einem filmischen Klassiker, einem Meisterwerk der Filmgeschichte, einem – wenn nicht: DEM Hitchcock. Meine Situation gleicht der eines ehrfürchtigen (Er-)Starrens vor einem gewaltigen Berg, dessen Präsenz sich nach wie vor aus fast grenzenloser Rezeption, Produktionsrecherche, angestauten Querweisen, Bezügen, sowie zur Tradition gewordenen Symbolen zusammensetzt. Meine Worte bilden einen Text, der der permanenten Rechtfertigung ausgesetzt sein wird. Es sind Worte der Kritik, die eine Bewertung nach sich ziehen (wird) und daher gehören diese Worte an Maßstäbe ausgerichtet, deren Transparenz unbedingt offengelegt werden muss. Zwangsläufig sind die hier gewählten Worte offen, frei und ohngeachtet einer noch nicht erfolgten Sichtung formuliert – es wird von SPOILERNSPOILERNSPOILERN nur so hageln, weshalb ein Weiterlesen auf eigene Gefahr geschieht.
Das Vorgehen meiner Worte ist zunächst nicht gekoppelt an das Œuvre Hitchcocks, was zugegeben ein nicht zu unterschätzender Nachteil ist. Ein Werk kann gerade diesbezüglich Sinn entfalten, Bezüge herstellen und Verständnis stiften. Allerdings ist dies nur ein hinreichender Weg zur Beschreibung, kein notwendiger. Außerdem besteht im Jahre 2012 zwar die einfache Möglichkeit einer umfassenden, alle Werke einschließenden Rezeption, die dennoch – trotz angestrebter Vollständigkeit – unter der Massensichtung vieler anderer Filmnachkommen leidet. D.h. konkret: Viele Hitchcocks, die in den 2000er Jahren rezipiert wurden, können nicht den Wert einer ursprünglichen Erinnerung aufwiegen; demnach ist eine diachron wertende, dem Zeitgeist verpflichtete Kritik immer auch der eigenen Filmchronologie ausgesetzt, die nicht mal eben so nebenher zerbrochen und zerstückelt werden kann. Meine Worte fühlen sich dieser Herangehensweise folglich nicht verpflichtet.
Ebenso können meine Worte nicht eine auf Gesamtheit ausgerichtete, ein halbes Jahrhundert umfassende Etymologie des Films anstreben, geschweige denn ausfüllen. Die Rezeption eines Klassikers erfordert eine besondere, sensitive, dem Zeitgeist rückversetzte Erwartungshaltung: Ja! Viele Augen werden insgeheim zugekniffen, vieles ist bereits aus anderen Filmen bekannt, aber hier, ja HIER herrscht das Original, der Ursprung, die Aura des Schöpfertums: Ja, mit Einschränkung! Denn an dieser Stelle gilt es anzusetzen. 52 Jahre nach Entstehung sind vergangen und ich entschließe mich zur Sichtung von »Psycho«. Mein Erwartungshorizont kennt die Existenz der »Duschszene«, nicht aber deren Auflösung. Mehr nicht. Ein aufgeschlossener Geist mit zugegeben erhöhter Erwartung und nahezu spoilerfreier, weißer Weste stürzt sich in das Abenteuer eines »Gänsehaut« verursachenden Psycho-Thrillers. Die Probleme fangen an.
Ein Jeder braucht Verständnis für behäbig und langsam wirkende Inszenierungen. Erhöhte Konzentration, ein Auge fürs Detail, sowie ein Sinn für Atmosphäre sind dabei unerlässlich. Bspw. verlangt die erstmalige Zimmerbesichtigung Marion Cranes im Motel ein gehöriges Maß an Geduld. Sie öffnet nahezu jede Schublade einzeln, sie trägt den rasch, und doch sorgfältig in einen Umschlag verpackten MacGuffin von 40000$ in bar gehetzt, und doch irgendwie ungeschickt unvorsichtig durch das ganze Zimmer. Von Schublade zu Schublade; der Zuschauer macht das, was er am besten kann: Zuschauen. Er bekommt Zeit, die Situation von Marion Crane nachzuvollziehen. Eine Situation, die bereits zuvor wesentlich zugespitzt wurde, allerdings wohl eher von Unverständnis begleitet, das der bis dato existenten Protagonistin schließlich entgegengebracht wird. Warum? Weil ein Zuschauer sich zwangsläufig in die Lage versetzt 40000$ in den Händen zu halten und die Möglichkeiten abwägt diese zu besitzen. Marion Crane erweckt dabei einen undurchdachten Eindruck. Die vorangegangene »Flucht« vor dem Polizisten ist aus heutiger Sicht kaum mehr nachvollziehbar, ein noch auffälligeres Verhalten heute kaum noch denkbar – natürlich »soll« das so, doch hier verengt sich bereits das erste Auge leicht zu einem Schlitz: Die Vermittlung einer verunsicherten, mit einem Verbrechen belasteten, etwas naiven und fast schon einfältigen Frau könnte eleganter vermittelt werden. Eleganz ist schwer greifbar. Was damals einer eleganten Schauspielleistung entsprach, verführt heute zur Annahme direkt aufspielendes »Overacting« zu empfinden. Eleganz ist keine allgemeingültige Kategorie, sie ist vielmehr der Veränderung, der Tradierung, der Zeit ausgeliefert. Trotz offensichtlicher Subjektivität gibt es diesen Eindruck, dieses Gefühl der Bewertung. Dies ist ein Beispiel von vielen, die nach ähnlichem Muster gestrickt sind. Das gegenwärtige Muster ist identisch mit dem bereits oben erwähntem: Zur Tradition gewordene Handlungen, Symbole usw. . Von jedem Zuschauer wird diese zeitüberdauernde Leistung erwartet; darf nun diese vergleichende Leistung des Rezipienten nicht in eine spätere Bewertung einfließen?
Diese zentrale Frage bleibt im Raum und wird wohl nicht eindeutig gelöst werden können. Ein weiteres Beispiel soll allerdings das Muster untermauern: Norman Bates‘ Verhalten nach dem Mord an Marion Crane. Minutiös, langsam und behäbig wird das Zimmer gesäubert. [Ein Mord erforderte damals wohl kein beschleunigendes Gefühl der Erregung, vielmehr dient hier die Säuberungsaktion der eigens zu vermittelnden Stilelemente: Der Zuschauer als Voyeur, als Mittäter. Natürlich begann dies alles mit dem Blick durchs geöffnete Fenster im Anfangsdialog und vollführt sich hier im entfremdeten Umherschweifen am Tatort. Aber hey: Kunst um der Kunst willen heißt dieses Muster und bedarf später einer Revision.] Daher zurück zur ausführlichst schrittweisen Inszenierung: Was einerseits Ungeduld beschwört, dient der Charakterzeichnung eines Mannes, der merkwürdig erscheint. Allerdings fehlt im Jahre 2012 die Eigenheit des Geschehens. Was ist noch ernsthaft merkwürdig an der geschilderten Situation? Natürlich wurde der Zuschauer mit einem WTF-Moment zurückgelassen: Ein erfrischender Moment des Erwartungsbruchs, dem plötzlichen Tod der Protagonistin, ein Bruch im Konzept, ein Zurücklassen mit der bis dato entwickelten Geschichte. Zudem war der Mörder augenscheinlich eine ältere Frau – das beschwört natürlich geradezu den Verdacht auf die kurz zuvor eingeführte Mutter von Norman, die sich abfällig über das Erscheinen des weiblichen Gasts äußerte. Aber mal ehrlich. Auch hier muss wieder die Originalität, der auratische Wert des Ganzen herhalten, um den sich verratenden und andeutenden Twist zu entschuldigen. Es bedarf in der heutigen Zeit nicht mehr eines sonderlich smarten Zuschauers, um zielgerichtete Vermutungen bzgl. der Schizophrenie Norman Bates‘ anzustellen; um zu wissen, dass Lila später in den Keller rennen wird, dort eine Figur vorfindet, die uns allen den Rücken zuwendet und bei dessen Gesichtssichtung wir gefälligst alle Gänsehaut bekommen müssen. Das ist so schade und spricht dem Film durchaus die allseits beschworene Zeitlosigkeit ab, aller zeitlich überbrückbaren Entschuldigung zum Trotz.
Um es nochmals zu betonen: Meine Worte sollen den Wert des Werkes »Psycho« keinesfalls schmälern. Das wegweisende Ganze, auch bezüglich Zensurvorschriften, Kameraarbeit und exakter Planung sind nicht von der Hand zu weisen, dürfen aber nicht das Filmerlebnis »Psycho« in der heutigen Zeit rechtfertigen. Jedem Zuschauer bleibt zunächst nur der Film, die wenigsten beschäftigen sich mit den imponierenden, referentiellen Bezügen, weshalb ein weiteres Mal der »l’art pour l’art«-Gedanke aufgegriffen werden sollte, um die Rezeptionsprobleme weiter einzugrenzen: Das Symbol der Vögel. Es ist ja schön und gut, dass Marion -Crane- heißt und aus Phoenix kommt, Norman ausgestopfte Vögel beherbergt usw. Allerdings … wozu? Die Verwadtschaft und Verbundenheit entzieht sich jeglicher Funktionalität, was sich gehörig auf den Unterhaltungswert auswirkt. »Psycho« muss sich heutiger Bewertungsmaßstäbe stellen, auch wenn diese nicht ursprünglich vorhersehbar waren. Das macht es so schwer, allgemein alten Filmen den ihnen gebührenden Respekt zu erweisen. Das macht es so schwer, einen Text über alte Filme zu schreiben, da die gewählten Worte eigentlich stets vor allem das Muster der Aura und Originalität erwähnen müssten. Tun sie aber meist nicht, aus Ehrfurcht und Angst dem großen Werk nicht gerecht werden zu können. Allerdings bedarf es bei aller Ehrfurcht nicht der Ehrlichkeit zu entbehren, auch heutigen Werken Veränderungspotential für künftige Werke zu unterstellen. »Psycho« hat am gestrigen Abend versagt zu unterhalten. Und das sollte er, auch damals.

Wertung: 6.5 / 10 [4.0 + 2.5 (Aura)]

Dieser Beitrag wurde unter 6.5 / 10, Filmkritik, Krimi, Thriller veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

5 Antworten zu Psycho (1960)

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  2. Lolli schreibt:

    Mein größter persönlicher WTF Moment in diesem Text war:
    „»Psycho« muss sich heutiger Bewertungsmaßstäbe stellen, auch wenn diese nicht ursprünglich vorhersehbar waren.“
    Das kann doch schwerlich Dein Ernst sein.

  3. Alex schreibt:

    Doch…
    Was ist denn an dem Teil unverständlich geblieben?

  4. Lolli schreibt:

    Aber das macht doch gar keinen Sinn. Mal als Analogie um zu verdeutlichen was ich meine: Wenn sich in 100Jahren alle Menschen von Schnecken ernähren würden, würdest Du es dann nicht für unangebracht halten, wenn man über Dich negativ urteilt, weil Du das nicht getan hast?

  5. Alex schreibt:

    Ah, eine auf den Geschmack abhebende Allegorie (- nicht Analogie)!
    Und nein, ich würde es nicht einfach mal so unreflektiert für unangebracht halten, dass Leute aus der Zukunft sich ein negatives Urteil über mich bilden, da ich den Kontext des künftigen Schneckenverzehrs nicht kennen würde. Vielmehr lässt sich deine Allegorie positiv umdeuten, wodurch dann besser durch kommt, was ich meine: Ich als Nicht-Schneckenverzehrer wirke in meiner Kunst auf die spätere Zukunft und beeinflusse diese in irgendeiner Form. Und das ist doch toll! Doch mein damaliges Ergebnis, meine damaligen Handlungen sind unverändert geblieben und werden in anderen Kontexten (Schneckenverzehr überall) bewertet. Das Urteil darf dann ruhig auch negativer ausfallen, allerdings auf reflektierte Weise (Text: „Um es nochmals zu betonen: Meine Worte sollen den Wert des Werkes »Psycho« keinesfalls schmälern. […]“) und in Bezug auf einen anderen Kontext (Text: „Die Verwandtschaft und Verbundenheit entzieht sich jeglicher Funktionalität, was sich gehörig auf den Unterhaltungswert auswirkt.“).
    So, und dass überall Schnecken konsumiert werden später (das Beispiel wird immer beknackter), kann und wird Auswirkungen auf spätere Generationen haben – doch jetzt kommts: Warum sollen die Schneckenkonsumenten ewig an mir festhalten und meinen Zustand heilig sprechen? Ich finde Entwicklungen interessant und nicht per se negativ oder positiv. Kommt immer drauf an, was man daraus macht.
    – Und dass etwas gar keinen Sinn ergibt, geht auch schonmal gar nicht.

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