Die Frau in Schwarz (2012)

Es knistert und knarrt gehörig an allen Ecken und Enden, während Daniel Radcliffe sich zum ersten Mal als emanzipiert aufdeckender Familienvater in der Post-Ära Harry Potters am Ende des 19. Jahrhunderts versucht. Ihm gehört die Hauptrolle des Schnüfflers auf Nachlasssuche in einem abgelegenen Dorf, inklusive düsterem Haus, was noch weiter ab vom Schuss liegt als die schaurig neblige Idylle eh schon vermuten lässt – umgeben von einem Sumpf; abhängig von Ebbe und Flut.
Natürlich erweckt diese Ausgangssituation nicht wirklich den Eindruck das Rad neuzuerfinden. Und dennoch gefällt bereits die Exposition mittels eines galanten, nicht zu langatmig gestalteten Einführungsprozesses. Schnell wird klar, dass das Dorf ein Geheimnis umgibt, dessen Spur von Blut durchzogen ist. Eine verschwiegene, geheimnisvolle Stimmung vergleichbar mit »Sleepy Hollow« und »The Village« trifft schließlich auf -die- asiatische Gruselhorrorfigur schlechthin: »Die Frau in Schwarz«. Spätestens bei dieser äußerst strapazierten Gestalt des Horrorkinos wächst das Potential den Karren in den Einheitsbrei zu setzen und dabei Billigware von der Stange zu liefern.
Allerdings meistert der Film auch diese nicht zu unterschätzende Hürde bravourös, indem das Konzept als Ganzes Sinn stiftet und sich als konsequent realisiert entpuppt. Aller Durchschnittserwartung zum Trotz weiß die Inszenierung nämlich durch harmonische Bildkompositionen zu überzeugen. Kontrastreiche Farben und geschickte Kamerapositionen manövrieren (vor allem) »Die Frau in Schwarz« in ein interessantes, spannendes und zugleich unerwartet schockierendes Licht – denn was die Schockszenen betrifft, erwartet den Zuschauer ein ungeahntes Feuerwerk des Grusels! Tatsächlich arrangiert Regisseur James Watkins (hier viel besser als im drögen, plumpen, ärgerlichen Slasher »Eden Lake«) außerordentlich gekonnt den Hintergrund und hat dabei die gesamte Bildfläche im Blick. Nicht selten ertappt sich der Zuschauer dabei den Bildschirm mit seinen Augen abzugrasen, nur um dann mit schockierender Irisverengung eine Gestalt wahrzunehmen, die das Bild auf harmonische Art und Weise zwar ergänzt, und dann doch Gänsehaut produzierend stört. Die Intensität steigt stetig und ergießt sich schließlich in einem starken, schlüssigen Finale, das aber durchaus noch eine Plotwende mehr hätte bieten können.
Neben dem ganzen, gerechtfertigten Lob kränkelt der Streifen etwas an jenem Punkt: Zwar in konsequenter Manier produziert, bietet der Plot auf der Makroebene durch seine Geradlinigkeit wenig Überraschungen. Einerseits lobenswert, dass die Erwartungen vollends erfüllt werden, andererseits verführt die abwechslungsreiche Darbietung des Ganzen innerhalb der einzelnen, stimmigen Szenen und Settings zu einem verblüffenderen Inhalt. Hier wurde auf Nummer sicher gegangen, um nicht unglaubwürdig und haarsträubend zu verwirren, weshalb dieser Negativaspekt eigentlich schon wieder zu vernachlässigen ist. »Die Frau in Schwarz« würde daher immernoch in der Champions League spielen, wäre da nicht noch ein weiterer, kritikspendender Anlass, der dem Film wesentlich härter zusetzt: Sämtliche Figuren wirken konturlos, blass und eindimensional. Doch auch hier gilt Entwarnung: Die Charaktere sind keineswegs ein unsympathisches Ärgernis (nicht so wie in »Eden Lake«!), vielmehr haben sie nichts Besonderes zu bieten. Daniel Radcliffe beispielsweise ist anzumerken, dass er bloß nichts falsch machen will. Er will erwachsen wirken, männlich, völlig angstfrei, sich jeder Gefahr entschlossen stellend. Aber ihm fehlt dabei die Vermittlung des unbedingten Willens sich aufzuopfern in seiner Arbeit für seinen Sohn! Unterschwellig ist das der Grund, warum er diesen Job betreibt und nicht verfrüht abreisen will. Zwar offenbart die Handlung das dem Zuschauer im Gespräch mit ihm und seinem Vorgesetzten, doch Arthur Kipps entscheidet sich diesbezüglich nicht; er wirkt noch nicht mal gegenteilig unsicher – er agiert blass, ohne dabei falsch zu liegen.
Einen stärkeren Auftritt absolviert dagegen Ciáran Hinds (»Eine offene Rechnung«), dem aber auch nicht viel mehr zu seiner Rolle einfällt als ungläubig und zweifelnd die Handlung voranzutreiben. Sein Charisma spendet jene verheißungsvoll autoritäre Atmosphäre, die demnach nicht auf das gelungene Drehbuch und die immanente Charakterzeichnung zurückzuführen ist.
Sei es drum! »Die Frau in Schwarz« ist eine faustdicke Gruselüberraschung mit tollen Schockern und Ganzkörpergänsehaut. Trotz dieser intendierten Spende an Unwohlsein schafft der Film es, über die gesamte Laufzeit von 95 Minuten ein geborgenes Gefühl auszustrahlen, sodass sich der Eindruck einstellt, keine kostbare Lebenszeit bei der Sichtung verschwendet zu haben.

Wertung: 7.0 / 10

Dieser Beitrag wurde unter 7.0 / 10, Drama, Fantasy, Filmreview, Horror, Mystery veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s