Alien – Das unheimliche Wesen aus einer fremden Welt (1979)

Womöglich wird mir mein geschätzter Kollege Max kopfschüttelnd entgegentreten und die fehlenden 2.5 Punkte mit einem eigenen Text versuchen zu ergänzen: Doch aller optischen Superlative zum Trotz, offenbart der zu einem absoluten Klassiker emanzipierte »Alien« einige Schwächen auf einem Terrain, das nichts mit kleinkariert vermiesender Stecknadelsuche zu tun hat. – Aber der Reihe nach.
Nachdem die »Psycho-Rezeption« sich zeitversetzter Klassikerprobleme auszusetzen hat(te), liegen die Karten bei »Alien« ein Stück weit anders, wenngleich mit ähnlicher Voraussetzung bzgl. des zeitlichen Überstatus‘. Optisch allerdings immernoch – über 30 (!) Jahre später – eine absolute Augenweide, die sich mit ihrer organischen Struktur in keiner Ecke vor heutigen Produktionen verstecken braucht, verführt die visuelle Ebene inklusive atmosphärischster Bassvertonung den Zuschauer schon sehr früh zu Lobhudelei in den allerhöchsten Tönen. Das ist auch nicht weiter verwunderlich, gelingt es doch mit dem optischen Reiz am Ursprünglichsten, Zugang zu einem Film zu erhalten. Regisseur Ridley Scott samt ganzer Crew schaffen ein Universum, das mit Detailverliebtheit glänzt, sei es in technisch-mechanischer Hinsicht (es blinkt und leuchtet und blitzt und tropft und schimmert … fast überall) oder im Hinblick auf die akribisch minutiöse Auswahl an Kameraeinstellungen, um jeden noch so bewegenden Moment gebührend einzufangen.
Das Erzähltempo verharrt dabei stets auf unterhaltendem Blockbusterniveau und weiß auch definitiv zu fordern, womit sich gemächlich bereits hier eine direkte Überleitung zu -der- anderen, wesentlichen Konstituente des Films – neben der Form – ihren unaufhaltsamen Weg bahnt: Inhalt. Der Leser erwartet wohl nach obiger Ankündigung einen nun folgenden Verriss, mit dem ich jedoch nicht, zumindest nicht in vollem Maße dienen kann und werde. Denn »Alien« zettelt im Jahre 1979 einen Diskurs an, der ihn im wahrsten Sinne des Wortes zu einem Klassiker emanzipiert. Gemeint ist die mimisch und gestisch fantastische Leistung von Sigourney Weaver, die es schafft, ohne unglaubwürdig zu over-acten, authentisch den Gegenpart zum chauvinistischen Unsympathen Parker, dreckig gespielt von Yaphet Kotto, zu verkörpern. Sie ist (bzw. soll sein [– dazu gleich mehr]) der kühl kalkulierende und doch sympathisch anmutende Teil einer insgesamt sehr differenziert ausgearbeiteten Gruppe von Menschen, die wie Gegenspieler einer zusammen gewürfelten Einheit wirken. Sigourney Weaver dient als Bindeglied, den Zuschauer einzuladen und an der Hand zu packen, Teil der Crew zu sein, mitzuempfinden und Anteil zu nehmen am Geschehen, das einige Überraschungen (hier wird nicht gespoilert) gruppenintern zu bieten hat. Inmitten des Films offenbart sich in einem zentralen Dialog die Reflexion der Menschlichkeit als Organismus, dessen Perfektion … naja. Jedenfalls erreicht der Film zur richtigen Zeit Tiefgang, den der Zuschauer gefälligst in den gefertigten Bildern und nicht in diesem Text finden sollte.
Auf der Handlungsebene herrscht zudem in der besagten zweiten Filmhälfte reges Treiben, viel Unterhaltung und stets positive Kurzweil – Action und Spannung geben sich die Hand, wobei scheinbar überraschend der Suspense weniger intensiv, weniger fordernd ausfällt. Während nämlich inszenatorisch in diesem Zeitabschnitt bishin zum grande Finale glänzend dirigiert wird, ist bereits zuvor – in den ersten 60 Minuten – ein jedem Science-Fiction-Spektakel wesentlicher und unumgänglicher Aspekt aus den Augen geraten: Die Genese des filmisch erzählten Universums. Was heißt das und vor allem: Was bedeutet das? Ich will kein visuell-manipulierendes Kalkül unterstellen, auch wenn es geschickt wirkt, mit pompösen, äußerlichen Reizen unangenehme Universalfragen zu umgehen, die sich zwangsläufig aber aus der Geschichte heraus ergeben müssten. Doch mir als Zuschauer (vielleicht anderen schon – mir nicht) reicht es nunmal nicht vermittelt zu bekommen, dass jene Nostromo eine Art Handelsfrachter mit einer Besatzung von 7 Personen ist. Ein Film, der auf ganz großem Fuß die menschliche Existenz als zu perfektionierenden Organismus inmitten eines alle Existenz umfassenden Überlebensspektakels thematisiert, muss die Frage zur Beantwortung stellen, inwieweit die Menschen das bisherige Universum ergründet haben, welche Vorerfahrungen (natürlich nur im Ansatz) geschehen sind und welche Sensibilität allgemein neuen Lebensformen gegenüber herrscht. »Alien« bemüht sich unzureichend um diese Fragen und gibt Scheinantworten, die sich widersprechen.
Einerseits [SPOILER-SPOILER-SPOILER] existiert der unwiderrufliche Auftrag Halt zu machen bei neuartigen Lebensformen und diese für Untersuchungszwecke zurück zur Erde zu schaffen, andererseits betreibt man Handel mit Sonnensystem entfernten … ja was denn? Aliens? Menschen? Planteten? Galaxien? [/SPOILER-ENDE-ENDE-ENDE]
Wie lautet der Hintergrund dieser interessanten Personen, wie kann im Subtext geschildert werden, was die Zukunftsvision sonst noch zu bieten hat? Bei näherer Betrachtung hat sich Ridley Scott dazu entschieden ein Kammerspiel zu inszenieren, um diesen Fragen aus dem Weg zu gehen. Das wäre ja auch alles gar kein Problem, würden nicht die Nachvollziehbarkeit der Handlungen jedes Einzelnen von diesen Fragen abhängen! Inkonsequenz ist die Folge, wenn Ripley einerseits darauf besteht die Quarantänevorschriften einzuhalten, andererseits dann wiederum auf unvorsichtigste Weise mit dem soeben noch Kranken plauscht und anschließend auch noch locker frühstückt, als wäre nichts geschehen. (Übrigens immer alle gemeinsam, während sich später immer alle trennen müssen!) Die Crew wirkt insgesamt wie die furchtloseste Einheit schlechthin und spendet damit Misstrauen. Sie machen Entdeckungen, als wären diese ein Allerweltsfund – demnach gibt es in diesem Universum Aliens bzw. andere Lebensformen, mit denen Handel betrieben wird (diese These unterstützt auch die Frage nach dem »menschlichen« Notrufsignal) – übelst ätzende Säure scheint ihnen komplett latte, nachdem sie bemerkt haben, dass sie 3 Stockwerke tief gesackt ist. Die Handlungen der einzelnen Besatzungsmitglieder ließen sich ja insoweit auf Neugierbefriedigung zurückführen, was die Instrumentalisierung und Inperfektion der Spezies Mensch weiter unterstützt, allerdings wirkt ihr Agieren derart fahrlässig, dass die Nähe zu den Charakteren flöten geht, wenn selbst ich mich auf meinem Sofa ängstlicher verhalten würde. Auch das mag intendiert sein, lässt mich jedoch spannungstechnisch gegen Ende abschalten, was zugegeben eine recht harte, in Kauf genommene Konsequenz darstellt. Zusammengefasst ist es der unbehandelt zurückbleibende Kontext, der das Reflexionspotential auf inhaltlicher Ebene stagnieren lässt. Fragen aufzuwühlen und selbst Fragen zu hinterlassen, ist einem Film positiv anzulasten. Wird dieses Lechzen nach Antworten aber überstrapaziert, verliert die Wirkung eines derart hochgelobten Streifens deutlich an Substanz. Auch wenn die Universumsgenese lediglich einen kleinen, winzigen Aspekt einzunehmen scheint, darf dieser Parasit (ja – die Anspielung ist gewollt) eben nicht auf ganzheitlicher Ebene unterschätzt werden – die Möglichkeit auf verheerende, größer ausfallende Folgen ist überwältigend.
Mag sein, dass ich zu hart bin – sorry Max! »Alien – Das unheimliche Wesen aus einer fremden Welt« ist und bleibt ein absolut sehenswerter Film; dass er einen die gesamte Laufzeit überdeckenden miesen Eindruck samt unverständlichem Gefühl verursachte, halt weil er seinen eigenen Hintergrund ungenügend hinterfragte, muss er allerdings zu spüren bekommen.

Wertung: 7.5 / 10

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Eine Antwort zu Alien – Das unheimliche Wesen aus einer fremden Welt (1979)

  1. Lolli schreibt:

    Das hohe Niveau im Look und in der Atmosphäre von Alien hat viel damit zu tun, dass da jemand ran durfte, der sich mit seinem Metier sehr gut auskannte: nämlich HR Giger. Das ist heutzutage gar nicht mehr denkbar. Mir hat die Optik bei dem Film immer weitergeholfen, da ich die viel beschworene Spannung im zweiten Filmteil nie gespürt habe. Ich finde, dass der Film zeitweise echte Längen hat. Aber mit der Meinung war ich meistens allein auf weiter Flur :-)

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