Das Schwein von Gaza (2011)

Jeder kennt das: Man sitzt gespannt in der Sneak-Preview und hofft auf irgendetwas Unterhaltsames. Bitte keinen überdramatischen Tränenzieher, kein ach-so-kunstvolles Avantgarde-Hippie-Laientheater und bloß nichts sonst irgendwie Anstrengendes. Das heißt oftmals auch: Bitte nichts Französisches! Und dann die Ernüchterung, „In Zusammenarbeit mit Canal+“ erscheint im Vorspann, die NRW-Filmförderung war offenbar auch mit im Boot. Ein Raunen geht durch das vollbesetzte Kino. Dann der Titel des von allen gefürchteten Machwerks: „Das Schwein von Gaza“. Die ersten Menschen verlassen den Saal, die meisten davon im Clearasil-Alter. Kinder, wärt ihr doch mal sitzen geblieben!
Während die ersten Minuten der französisch-deutsch-belgischen Ko-Produktion ein Drama über die Armut der kleinen Leute des titelgebenden Kriegs- und Krisengebiets vermuten lassen, entwickelt sich unser Schweinchen mehr und mehr fröhlich grunzend zu einer einfach hinreißenden Komödie – und obendrein zu einer herrlich respektlosen Allegorie auf die Schwachsinnigkeit des scheinbar ewigwährenden Konflikts im, am und um den Gaza-Streifen. Hauptdarsteller Sasson Gabai irrt wunderbar unbeholfen mit seinem klapprigen Nicht-Fahrrad umher, mit der erdrückenden Last auf den Schultern, eines Morgens eine 50-Kilo Sau in seinem Fischernetz gehabt zu haben. Nachdem er zunächst erfolglos versucht, diese schweingewordene Strafe des Herrn u.a. an UN-Mitglieder zu verkaufen -die essen ja sowas- kreuzen nach und nach immer häufiger skurille Situationen seinen Weg, in denen er die Möglichkeit sieht, seinen vermeintlichen Nachteil in einen Vorteil umzukehren. Doch natürlich bleibt sein Geheimnis kein solches, schließlich gilt das Schwein als unheilig und er selbst als Besitzer als Verräter. Dies bringt Terroristen auf seine Spur, die ihn und das Schwein für ihre Zwecke benutzen wollen, doch zur Freude des Publikums hat Jafaar (Gabai) da „noch ein paar Fragen zu seinem Dschihad“ und die Sache mit dem ihm aufgezwungenen Märtyrer-Dasein auch nicht so ganz verstanden…
Die Komödie von Sylvain Estibal ist in vielen Momenten erfrischend komisch und, siehe da, dem einst raunenden Publikum entrinnt nun doch ein Glucksen, zum Teil gar ein schallendes Gelächter aus der skeptischen Kehle. Natürlich wird am lautesten gelacht, wenn es im wahrsten Sinne „versaut“ zugeht und unser sympathischer Anti-Held an das Sperma seines Schweins kommen möchte, um dies zu Geld zu machen. Welche Handlungen Jafaar dazu an seinem grunzenden Gefährten wider Willen vornehmen muss, hat zwar meine Sitznachbarin nicht verstanden, aber ihre Begleitung konnte sie aufklären und ich hatte Spaß. Auch am Film.
Dankenswerterweise besticht „Das Schwein von Gaza“ aber in erster Linie durch leise, feinfühlige und mehr oder minder subtile Töne, und nimmt religiöse und politische Aspekte des Gaza-Konfliktes herrlich innovativ auf’s Korn, während meine Sitznachbarin erklärt bekommt, dass sie dies nicht verstehen muss: „Is‘ was Politisches“, wird sie beschwichtigt. Und ja, das hat ihre Begleitung ganz richtig verstanden, denn, Überraschung, latent politisch ist eigentlich der ganze Film! Dennoch bekommen wir weder eine moralinsaure „Seid nett zueinander“-Message unter die Schweinenase gerieben, noch kippt diese filmische Perle mit seinen wunderbaren DarstellerInnen im letzten Drittel ins Tragische. Im Gegenteil, „Das Schwein von Gaza“ wird dann sogar etwas zu seicht und für einen kurzen Moment wird sich jeder, der sich ein klitzekleines bisschen mit den Umständen des betreffenden Konfliktes auskennt, selbst auf die Schippe genommen fühlen. Jafaar, der sich inzwischen zum Publikumsliebling gemausert hat, kommt doch mit seiner Idee, den fatalen Folgen seines Irrglaubens, man müsse nicht unbedingt tot sein, um als Märtyrer zu gelten, zu entkommen, indem er schlicht und ergreifend wegläuft (und währenddessen Autogramme und Ohrfeigen an kindliche Bewunderer verteilt), etwas zu leicht davon und dem Lachen des Publikums mischt sich ein kurzes Kopfschütteln bei. Das, Herr Estibal, kannste deiner Oma erzählen.
Und dennoch, im Kontext genau jener zum Teil zu seicht in Szene gesetzten Situation enspringt einer der köstlichsten Dialoge des ganzen Films: Der (im Übrigen nicht wirklich ernstzunehmende) Terroristenführer möchte Jafaar, der gerade nach seinem vermeintlichen Selbstmord-Attentat mit für Märtyrer ungewöhnlich viel Appetit das ihm vorgesetzte Festmahl vertilgt, klarmachen, dass er weder das Wörtchen „Selbstmord“ noch den Zusatz „Attentat“ richtig interpretiert hat und zeigt auf die Wand hinter ihm, welche mit zahlreichen Bildern von Märtyrern versehen ist:
„Was“, fragt er sinngemäß, „haben all diese Männer gemeinsam?“
Jafaar: „Einen Bart?“
Terrorist (genervt): „Ja! Und was unterscheidet Dich von ihnen?“
Jafaar: „Das Schwein?“

Das herzige, dialogstarke Lustspiel des palästinensischen Regisseurs hat so viele einfach wunderbare, intelligente und wirklich witzige Momente zu bieten, dass man gerne das ein wenig flache, und zudem sentimental-unglaubwürdige Ende verzeiht. Auf den erhobenen Zeigefinger wartet man glücklicherweise auch vergebens, es stirbt niemand und auch das Schwein darf irgendwann sein Schafs-Kostüm (!) ablegen und einfach nur Schwein sein. Alle nochmal Schwein gehabt, auch die Sneak-Besucher. Grunz und Applaus!

Wertung: 7.0/10.

Dieser Beitrag wurde unter 7.0 / 10, Anti-Krieg, Filmreview, Komödie, Krieg, Sneak! veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Das Schwein von Gaza (2011)

  1. Lolli schreibt:

    Achtung! Spoiler!
    Ach das mit dem erhobenen Zeigefinger hab ich schon gesehen. Insbesondere am Ende des Films: Durch Kunst (im speziellen Falle Breakdance) zurück zur Menschlichkeit (Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit – und Amen) ist imho ganz schön mit der Moralkeule. Der Film war einfach ein Märchen. Keine Wendung der Welt – die auch nur im Ansatz was mit der Realität zu tun gehabt hätte – hätte das Ende des Films unblutig auflösen können. Hätte mich persönlich schon nicht gewundert, wenn das – in unterschiedlichen Betten, aber dem gleichen Raum schlafende – Ehepaar, plötzlich in sowas aufgewacht wäre :-).
    PS: Ulrich Tukur hat mich an Klaus Kinski erinnert. Das fand ich klasse!
    PPS: „moralinsaur“ Was für ein nietzscheanisches Wort. Gefällt mir :-)

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