Another Earth (2011)

Ein bis dato unbekannter Planet wird am Himmel entdeckt, welcher der Erde bis ins Detail zu gleichen scheint. Für Rhoda (Brit Marling) bedeutet dieses Ereignis die Assoziation mit einem schrecklichen Unfall, der ihr Leben und das aller Beteiligten verändert: Betrunken verursacht sie einen verheerenden Crash, welcher der Familie von Universitätsprofessor John Burroughs (William Mapother, „Lost“) das Leben kostet. Nach vier Jahren wird sie aus dem Gefängnis entlassen und sieht nun in der Motivation, auf die nun unverkennbar deutlich sichtbare „Zweite Erde“ zu reisen, die Möglichkeit, sich auch von ihrer Schuld zu befreien und ein neues Leben zu beginnen. Sie sucht den Überlebenden des Unfalls mit fatalen Folgen, John Burroughs, auf und beginnt unter einem Vorwand dessen verwahrlostes Haus, und damit einhergehend auch dessen verwahrlostes Leben, zu entrümpeln und ihm wieder neuen Sinn zu geben…
„Another Earth“ kann als eine thematische Antithese zu Lars von Triers fast zeitgleich entstandenen „Melancholia“ verstanden werden. Während Lars von Triers Himmelsstern das Ende der Welt bedeutet, ermöglicht die zweite Erde den Menschen eine Perspektive auf Katharsis, und ein besseres Ich. Dabei ist die Regie-Arbeit von Debütant Mike Cahill in seiner omnipresenten Symbolik, auf welcher der in seiner Gänze recht dünne und teils vorhersehbare Plot fußt, nicht minder plump und offenkundig, jedoch visuell und inszenatorsich weit weniger eindrucksvoll als von Triers depressive Apokalypse. Dennoch hat das von Cahill in Zusammenarbeit mit Hauptdarstellerin Marling verfasste Drehbuch und die darin aufgeworfenen Fragen über das Sein und das Nichtsein durchaus seinen Reiz, und natürlich sind dabei jegliche Gesetze der Astrophysik außer Kraft gesetzt und das ist in Anbetracht des metaphorischen Charakters der titelgebenden „anderen Erde“ auch vollkommen legitim (um solche „Nebensächlichkeiten“ kümmerte sich ja auch von Trier herzlich wenig). Allerdings liegt das größte Problem des Films darin, dass seine Macher scheinbar nicht in die Abstraktionsfähigkeit seines Publikums vertrauen. Somit kauen sie uns sämtliche aufgeworfenen Fragen explizit durch eine Priester-ähnliche Stimme aus dem Off vor und öffnen damit Möchtegern-Philosophen Tür und Tor, Vorgegebenes unreflektiert wiederzukäuen. Alle anderen dürfte das langweilen oder gar ärgern. Es sollte doch einer Independent-Produktion dieser Güte der Mut und das Vertrauen in die eigene Wirkung und die Aussagekraft innewohnen, gerade wenn sie sich einer Metaphorik bedient, die per se schon eigentlich keiner großartigen Erklärung bedürfen sollte.
Trotz und alledem ist „Antoher Earth“ keinesfalls misslungen. Obwohl Marlings Wandlung der in sich gekehrten, ängstlichen und menschenscheuen Ex-Strafgefangenen zur lebensfroheren jungen Frau sowie Mapothers Metamorphose des depressiven Trunkenbolds, der im Chaos vor sich hin vegetiert, zum feingeistigen Intellektuellen, der er einst war, vorhersehbar sind, so sind sie dennoch nicht allzu formelhaft geschrieben und überzeugend gespielt. Beide DarstellerInnen erwirken durch ihre emotionales, aber nicht überzogenes Spiel, eine Bedeutsamkeit für „Another Earth“, welche die im Vergleich zu „Melancholia“ eher schwachen, dennoch aber keinesfalls unbeeindruckenden Bilder mit der nötigen Substanz untermauern. Besagte Nervensäge aus dem Off meldet sich auch nur wenige Male zu Wort, um eben jene Substanz ins Wanken zu bringen, wodurch man hinsichtlich ihrer bloßen überflüssigen Existenz ein Auge zudrücken kann.
Alles in allem ist „Another Earth“ durchaus einen Blick wert, und eine Beschäftigung mit ihrer Thematik lohnt sich: Was würde ich tun, wenn ich mir selbst begegnete? Was würde ich zu mir sagen?
Denkt mal drüber nach.

Wertung: 7.0/10

Dieser Beitrag wurde unter 7.0 / 10, Drama, Filmreview veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s