Amour (2012)

Ein gutes halbes Jahr ist es her, da begab sich unser geliebter Blog in den verfrühten Winterschlaf. Ausgerechnet ein Werk des als unterkühlten Beobachter geltenden Österreichers Michael Haneke schmilzt nun die unfreiwillig begrabende Schneedecke und bewegt genug, um den Autor dieser Review zum Schreiben zu bewegen: „Liebe“ ist ein eindrucksvoller Beweis, dass die überholte und trotz aller Versuche der Frischzellenkur (zuletzt durch den Anarcho-Humor des Seth MacFarlane in der Light-Version) schnarchige Academy doch hier und da einen Glückstreffer landet – ausgerechnet bei einem Film, dessen HauptdarstellerInnen über 80 Jahre alt sind. Während viele Filme Hanekes als streitbar gelten (insbesondere die früheren Werke „Benny’s Video“ und „Funny Games“), ist der Status „Meisterwerk“ für das jüngste Werk der grauen Eminenz mit dem eher mediokren Englisch für viele KritikerInnen indiskutabel. Und tatsächlich, „Amour“ besticht durch seine grandios authentischen, unprätentiösen DarstellerInnen, durch sanfte, liebevolle, aber gleichzeitig wunderbar zurückhaltende Hand geführt durch den simplen Plot. Das ansonsten eher unrühmliche Attribut „simpel“ ist in diesem Kontext jedoch als im besten Sinne positiv zu verstehen, denn es geht um den Alltag des Älterwerdens, des Für-einander-da-seins und, ja, um Liebe. So „einfach“ kann Kinokunst sein.
Zudem bleibt zu bemerken, dass mir kein Film bekannt ist, der die Komplikationen und Folgen eines bzw. mehrerer Schlaganfälle dermaßen realistisch darstellt (was freilich auch der zu Recht mit dem Oscar nominierten Emmanuelle Riva zu verdanken ist). Dadurch berührte mich „Amour“ auf einer ganz persönlichen Ebene, fühlte ich mich doch an meine prägende Zeit als Pflegehelfer in einem Altenheim zurückversetzt. Eine Zeit, in der ich innerhalb nur eines Jahres mehr über mich selbst und, das konstatiere ich bewusst, das Leben gelernt habe als jemals wieder in den Jahren danach. Was die Berührung mit dem Alter und, ja, gewissermaßen dem „menschlichen Verfall“ mit sich bringt, wird an keiner Uni vermittelt. Hanekes Werk „Liebe“ stellt eben dadurch den Höhepunkt seines künstlerischen Schaffens dar, indem es dieser Erfahrung so nah kommt, wie ein (Spiel-)Film einer derart einschneidenden Erfahrung überhaupt nur kommen kann.
„Amour“ ist in seiner dokumentarsich anmutenden, unpathetischen, dem Kitsch fernen, gleichzeitig distanzierten wie fast schon unbehaglich nahen Erzählweise makellos und ein Paradebeispiel des vermeintlichen Bestrebens des Regisseurs, trotz oder gerade wegen der scheinbaren (Gefühls-)Kälte an der Oberfläche, Wärme und Empathie in der Tiefenstruktur zu schaffen sowie Einsichten in die Erfahrenswelt des Alters zu geben, vor der wir uns alle wohl so lange scheuen, bis wir unmittelbar damit konfrontiert werden – ganz so wie die Akteure des Films. Damit provoziert Haneke nicht nur einen Schritt in Richtung Verstehen, sondern trifft zweifelsohne den Nerv einer Zeit, in welcher wir Menschen immer älter werden, gleichzeitig aber den Respekt vor dem Alter und dem eigenen Älterwerden sowie dem Altern anderer zu verlieren scheinen bzw. gar nicht mehr darum wissen, was mit einem Menschen und seiner Umwelt geschieht, wenn er plötzlich nicht mehr in gewohntem Maße am gesellschaftlichen und kulturellen Leben teilnehmen kann. Wer alt ist, gehört im wahrsten Sinne zum „alten Eisen“, ist unbrauchbar, abgeschrieben und eh schon eigentlich so gut wie tot.
„Liebe“ könnte dazu beitragen, ein gewisses Quäntchen Respekt vor dem Alter wieder herzustellen, und, was noch wichtiger ist, auch die Würde des Alterns, ohne erhobenen Zeigefinger oder Moralkeule. Hanekes Film ist ein zutiefst bewegender Film, dessen Wichtigkeit gar nicht oft genug betont werden kann. Und ja, „Liebe“ ist ein Meisterwerk.

Wertung: 10/10.

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