Stoker (2013)

In Eure Vorstellung eines Nichts dringt nun ein Tisch; ein großer, voll besetzter, mit allerlei Spielfiguren und Kulissen gespickter Tisch. Euer Blick fällt dabei sofort auf die Miniaturausgabe von Park Chan-wook, dem sagenumwobenen »»Oldboy«-Regisseur« aus (Süd-)Korea. Er steht dort mit einer Amerika-Flagge in der linken Hand – hinter ihm prangt der Hollywood-Schriftzug samt zahlreichem, neugierigem Publikum, das sich drängt auch nur einen Blick zu erhaschen. Das Interesse gilt einem zerfurchten Gesicht: Es ist von Leid zerfressen, aus ihm spricht das blanke Entsetzen, es scheint von wahnsinniger Rache besessen. Da ist noch mehr … ein bleckendes Grinsen zeigt zwei Eckzähne, die auffällig spitz hervorstechen. Geronnenes Blut bedeckt beide Mundwinkel, die Zunge verharrt in zurückhaltender Position. Der rechte Arm des Regisseurs hängt herunter und umschlingt eine Waffe, eine Art Beil, das Bluttropfen offenbart.
Angewidert wandern eure Augen weiter zu einer großen, weiblichen Figur. Während Park Chan-wook eben noch trotz Spielfigurgröße Dynamik ausstrahlte, erscheint dieses Abbild starr und regungslos. Das eiserne, ausdruckslose Gesicht fixiert dabei einen Punkt, gar nicht so weit in der Ferne: Tom Cruise. Tatsächlich posiert dort Nicole Kidman in aalglatter Haltung, geschnürt in ein Abendkleid, in abgebrühter Gewissheit, dass ihr allein all die neugierigen Blicke aus dem Hintergrund gelten. (Cruise am Rednerpult winselt übrigens um Eure Aufmerksamkeit, die Ihr ihm natürlich nicht schenkt!) Euer Augenpaar star(r)tet dagegen bei Nicole Kidmans funkelnden Äuglein, deren Blick ihr gespannt mitverfolgt – unsichtbar an einer Schnur geführt – durch Cruise hindurchgleitend.
Schließlich verharrt Ihr auf zwei weiteren, eher unscheinbaren Figuren. An ihnen prangen Namensschildchen: »Mia Wasikowska (Jane Eyre)« und »Matthew Goode (gutaussehend)«. Mia wirkt bieder, unscheinbar und irgendwie gewollt mauerblumig. Ihre Klamotten stauben antiquiert, einfach nicht zeitgemäß. Ihr Gesicht ähnelt in unheimlicher Weise dem von Nicole, nur ehrlicher, weniger verbraucht, ohne echte Makel. Eine Porzellanschicht dient als unsichtbarer Überzug – zwar zerbrechlich und doch nach außen hin stark, jedenfalls interessant. Im Gegensatz zu Kidman. Noch interessanter erscheint auf den zweiten Blick Matthew, der neben gutem Aussehen vor allem eines hat: Charisma. Sein Charme zieht Dich in seinen Bann. Du kannst nicht aufhören ihn anzustarren. Du hättest es einfacher, wenn er einfach zurückstarren würde, doch den Gefallen tut er Dir nicht. Während er Dich immer wieder mit seinem Blick einfängt, fällt Dir erst jetzt seine bedrohliche Nähe zu Mias Figur auf. Biedert er sich an? Seine Mundpartie erinnert Dich an Park Chan-wook! Auch Nicoles anfängliche Ausdruckslosigkeit hat sich gewandelt. Die Sonne ist mittlerweile untergegangen, fadenscheinig ist ein besorgniserregender Gesichtsausdruck entstanden. Die Szenerie wirkt im Dunst der dämmernden Dunkelheit wesentlich bedrohlicher als noch kurz zuvor. Mias Minenspiel glänzt nun in morbider Faszination.
„Was zur Hölle ist da los?“ magst Du Dich fragen, und dabei hast Du nur einen Hauch von Blick auf eine Kulisse voller Klischees geworfen, die Dich bzw. Uns durchfluten. Wirf daher nun besser einen letzten, ganzheitlichen Blick auf Dein imaginiertes Gruselkabinett. Nimm dann Deinen Arm und räum‘ mit aller Kraft den ganzen Tisch ab bis er völlig leer ist. Der Schauplatz und die Figuren purzeln in ein bodenloses Nichts.
Wieso hast Du das getan?
Im Grunde ist es ganz einfach. »Stoker« ist wie Treibsand. Eine Abart von Feel-Bad-Movie im angestaubten Gewand transformiert sich in einen Strudel von Inszenierungskunst, die keinen Raum für Zufallseinstellungen bietet. Ausnahmslos jede Szene ist des Abfotografierens wert und überzeugt doch erst im Zusammenspiel mit allen Sinnen. Obiges Beispiel eines Tischschauplatzes ist nur ein Standbild, das zwar auch funktioniert, indem es Interesse weckt. Und dennoch fehlt die Erweiterung auf mehrere Ebenen, was Park Chan-wook in außerordentlicher Weise gelingt, dieser Text dagegen nicht spiegeln kann. Musik, Ton, Geräusche und Symbole verkommen im filmischen Ganzen nicht zum Selbstzweck, sondern erfüllen stets interne Funktionen. Diese Funktionen dienen dem Zuschauer als Schlüssel, um hinter die geheimnisvollen, vielschichtigen Charaktere dieses Spiels zu blicken. »Stoker« schafft es, die Schlinge immer enger zu ziehen, nur um dann im Fieber abrupt zu .

Wertung: 9.5 / 10

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