Excision (2012); Headhunters (2011)

Alle Jahre wieder: Ein Text mit Doublefeature. Ein Filmabend – Zwei Streifen, die ja eigentlich so gar nichts gemein haben. Einerseits ein amerikanischer Longplayer, der aus einem Kurzfilm entsprang und durch sein lüsternd schockendes Coverdesign Neugier weckte. Andererseits ein romanbasierter Crime-Thriller aus Norwegen – hochgelobt und in ungespoilerter Manier genießbar. Doch als dann schließlich der nowegische Abspann spät abends weiß auf schwarz den Bildschirm hinab glitt, drängte sich unentwegt, fast schon anbiedernd ein Vergleich auf. Da war es schon geschehen.
Den Anfang macht »Excision«. Ohne große Umschweife wird einem hier das Lattenrost mir nichts dir nichts gegen die Stirn geknallt: In Erwartung eines Horrorfilm-Abkömmlings kippt die Stimmung flott hin zu einem widerwärtig schwarz angehauchtem Coming-of-Age-Bastard mit WTF-Allüren. Was hier vorabendlich innerhalb von 81 Minuten geschah, ist nur schwer angemessen zu beschreiben. Blut spielt da eine nicht zu unterschätzende Rolle. Viel verschiedenes Blut. Phantasien einer heranwachsenden Protagonistin bebildern ein Innenleben, das im wahrsten Sinne des Wortes verrückt scheint. In herausragender Hässlichkeit verkörpert Annalynne McCord eine von zwei Töchter, die in ein explosives Familienkonstrukt eingebettet sind. Dabei sind es die großen Gegensätze von Liebe und Gewalt, Wahn und Sinn, Fürsorge und Entsorgung, Traum und Alptraum, die der Film im Erwachsenwerden einer 18-jährigen zur Debatte stellt.
Tatsächlich steht sie im Raum. Eine ungeschönte Debatte, die nach Bewertung schreit. Allzu leicht wäre es hier für Regisseur Richard Bates Jr. gewesen, zu diktieren, zu manipulieren und Meinung zu machen. Doch der Film weigert sich, an dieser Stelle den einfachen Weg zu gehen. Er sperrt sich und lässt den Zuschauer unausgegoren zurück – mit einem Lattenrost vor den Kopf gestoßen – angesichts der Zerspielung eines Charakters. Das Schicksal dieser Protagonistin, Pauline, brennt sich ein, zumal nach 81 Minuten auf einem Punkt gestoppt wird, der unbefriedigter und offener kaum gehalten werden kann. Hier wurde in der eigenen Wertneutralität doch der einfache Weg missbraucht, in der Nicht-Auflösbarkeit Sinn propagiert. Letztlich ist das ein kleiner Wermutstropfen auf einem heißen Stein, dessen Glühen auch einen Tag nach der Sichtung kaum nachzulassen scheint.
Jedenfalls war das mal eine knüppelharte Vorlage für einen Film, der im Vorfeld einiges an Erwartung schuf. Von kantigen Plotwendungen war die Rede; absurde, skandinavisch typische Situationen sollten sich ergeben. Es hätten ja auch wieder Nazi-Zombies sein können! Nun ist das aber so eine Sache mit dem Absurden. Ohne jetzt ganz platt zu werden und zu hinterfragen, was denn schon „normal“ sei; so ganz ohne diese Frage im Hinterkopf zu behalten ist nur schwer auszukommen. Egal, vorerst. »Headhunters« startet und entsaugt auf Anhieb jegliche (Rest-)Wärme, falls denn überhaupt noch ein Funken vom Vorfilm übrig gelassen wurde. Blass-blau tönt es über den Bildschirm und es lullt Dich ein, mal wieder.
Skandinavische Filme erzeugen wie sonst wenig andere dieses Gefühl von Distanz und Objektivität, die einen selbst erst einmal auf Abstand hält, um die Charaktere bewusster hervortreten zu lassen. Hier war es Protagonist Aksel Hennie in der Rolle des minderwertigkeitskomplexten Kapitalisten Roger Brown, der im Laufe zunehmend emotionalisiert. Äußerlich eine Mischung aus Steve Buscemi und Robert Carlyle wird hier ein Typ präsentiert, der nicht zum Sympathisieren einlädt. Pauline von vorhin ja auch nicht. Doch Roger tut so, als ob er weiß, wer er ist; dabei stolpert er von einer Situation in die nächste, verliert die Kontrolle und bewahrt trotz allem sein Gesicht. Das weckt beim Zuschauer Skepsis anlässlich der fehlenden festen Charakterkontur. Es ist durchaus ein schmaler Grat zwischen eindimensionalem Typ, mehrdimensionalem Charakter und verdimensioniertem Nichtssager. Roger umgibt eine sympathieferne Ambivalenz, die den Zuschauer ganz sacht dazu verleitet auszuflüstern: »Dann stirb halt.«
Wenn das mal alle Probleme wären, mit denen »Headhunters« zu kämpfen hätte. Denn er leidet förmlich unter seinem Image. Mit zunehmender Laufzeit verfangen sich die konstruierten Situationen in ein Geflecht von Möchtegernabsurditäten, die in ihrem Extremfaktor einfach mau sind. Das ist zwar ganz nett, auch nachvollziehbar, gewiss auch gewollt Genregrenzen auslotend, doch irgendwie schmeckt das auch schon wie zum dritten Mal aufgewärmt aus dem skandinavischen Campingkocher. Nikolaj Coster-Waldau scheint jemand vom Kamerateam stets mit einem Schild zu erinnern: »Charisma! Überlegenheit! Erhabenheit!« Und schon knallt es plötzlich wieder mit dem Lattenrost. Nur jetzt kommts zum Kern der Sache: Während »Excision« innerhalb der gesetzten Grenzen mit Charaktertreue schockiert, fehlen bei »Headhunters« die Zwischentöne, die den schockierenden Charakterwandel rechtfertigen. Skepsis ist die Folge und nicht zuletzt ein verzogenes, abermals unausgegorenes Gesicht begleitet den Abspann eines interessanten Filmabends.

»Excision« – Wertung: 7.0 / 10
»Headhunters« – Wertung: 6.0 / 10

Dieser Beitrag wurde unter 6.0 / 10, 7.0 / 10, Action, Coming-of-Age, Drama, Filmreview, Horror, Krimi, Thriller veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

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