Vielleicht lieber morgen (2012)

Flüchtige Filmempfehlungen von Freunden sind gefährlich. Attestiert zudem die »Internet Movie Database« [kurz: IMDb] eine sagenumwobene 8.1/10 bei knapp 150000 Bewertungen, pocht mein Interesse hellhörig gegen mein filmisches Lustzentrum. Und fast gleichzeitig tönen die Alarmglocken! Originaltitel: »The Perks of Being a Wallflower« – das klingt nach Mauerblümchen-Kitsch mit Romanzenrosette. Nach nostalgischem Schwank mit rückwärtsgewandtem Blick auf eine längst vergangene, natürlich viel bessere Zeit. Nach Wie-ich-mich-endlich-traute-meine-Traumfrau-anzusprechen. Nach Songs, die mein Leben veränderten. Nach halt genau dem Zeug, wodurch sich ach so viele Leute ach so viel besser fühlen – nach einem Film mit derart breitflächigem Identifikationspotential, das ausnahmslos jeder Geschmack bedient wird und damit jeder gefälligst zufrieden sein muss. Das klingt urplötzlich nach »Eternal Sunshine of the Spotless Mind« (IMDb: 8.4 bei über 400000 Bewertungen), der einen ebenso dumpf klingenden, keck andeutenden deutschen Verleihtitel erhielt wie heutiger, abendfüllender Kandidat.
Es klingt wie damals einfach zu gut. »Vergiss mein nicht« verhob sich seinerzeit am leidigen Thema mit der Liebe, indem er die andersartige Frage der bedingungslosen Ehrlichkeit verdrängte, nur um verkitscht ewig wiederkehrendes Verliebtsein zu schwadronieren. Die Erinnerung ist ein so kostbares Gut, das nur allzu leicht beschönigt werden kann, idealisiert werden kann, der eigenen Imagination überlassen ist. Traum und Wunsch fügen sich zu einer vermeintlich unumstößlichen Wahrheit und verleiten zum romantisierten Schwank und zum Suhlen im eigenen bittersüßen Liebes- oder Trennungssaft. Das alles nur um über die eigene Bedeutungslosigkeit hinwegzutäuschen …
Naja, trotz allem mangelte es natürlich nach wie vor keineswegs an Neugier. Der weitere Weg führte daher über Regisseur Stephen Chbosky, der keine nennenswerten Produktionen auswies – doch nur vier Klicks später bestätigt sich die Annahme, dass er der Autor des 1999 erschienenen, gleichnamigen Romans ist. Spätestens jetzt schrillten meine imaginierten Trotzsirenen ohrenbetäubend: »Mach‘ Dich auf Off-Kommentar gefasst! Wie sollen die tollen Weisheiten aus dem Buch auch sonst dargestellt werden?«.
Gestattete Frage: Woher die übertriebene Skepsis, diese nervtötende, bewusste Antipathie? Es ist wie eine zu überwindende Mauer, derer sich hochgelobte, augenscheinig existentielle Filme widersetzen müssen. Eine Masse zu begeistern ist schwer und einfach zugleich. Es gibt dafür schmierige Mittel, Tricks und Kniffe, die ausgespielt Effekte erhaschen. Diese Filme folgen einem ureigenen Kalkül, das es jedem von Natur aus schwer macht, sich zu widersetzen. Diese Effekte hindern am Hinterfragen der Situation, des Kontextes. Für sie zählt der Moment und nichts als der Moment, um audiovisuell zu beeindrucken. Das Spiel der Emotionen ist ein dreckiges, das aber auch – und jetzt kommt es – grundehrlich sein kann.
»The Perks of Being a Wallflower« hat da ein kleines Kunststück vollbracht. All jene Klangfloskeln von oben treffen weitestgehend zu, und t r o t z d e m bewältigt der Film ein ergreifendes Schicksal, das Freundschaft und Liebe auf eine Stufe hebt. Idealisierung hin oder her, Charlie als mauergeblümter Protagonist erfüllt auf liebenswert andersartige Weise den Stereotyp und wächst damit zum eigenständigen Charakter. Ihn und den ganzen Film begleitet ein Trauma, das die Spannung hält und erklärt. Selbst der Off-Kommenter ist maßgeschneidert und sinnvoll verankert in ein Netz aus Träumen, die rückblickend das Ziel der Traumabewältigung ermöglichen. Logan Lerman gelingt in der Rolle des Charlie ein rührender Wandel ohne Extreme, und doch mit Hang zum Besonderen.
Gestatten, eingelullt und froh dabei.

Wertung: 8.5 / 10

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Eine Antwort zu Vielleicht lieber morgen (2012)

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