Warm Bodies (2013)

Um es vorweg zu nehmen: Romanvorlage → Off-Kommentar. Ja schon wieder – ein leidiges Thema, das hier und jetzt mal näher beäugt wird, um auch mal der Gefahr der unkritischen Auseinandersetzung vorzubeugen. Selten ist es nämlich nur die Stimme im Hintergrund, die alles kommentieren und erklären muss. Kann oder will etwas nicht dargestellt werden, wird es halt kurzerhand erwähnt und abgehakt. Das Problem dabei ist wie so oft die Überbeanspruchung, der Missbrauch am Mittel, nur um einem (oftmals manipulativen) Zweck zu dienen. Sabbelt der Protagonist unentwegt, baut dies zwangsläufig eine unglaubliche Nähe auf, die nicht selten emotional überladen wird und die Atmosphäre überschwängert. Die Frage des Erzählers ist eine literarische Angelegenheit, die eine ganze Geschichte auf den Kopf stellen kann, je nach dem aus welcher Perspektive erzählt wird.
Nun ist ein Film ein solch vielfältiges Medium, das freie Hand im Ausschöpfen der audiovisuellen Möglichkeiten genießt. Im Gegensatz zur Literatur entfacht der Film Bildsprache – ob er will oder nicht – dabei ist eine Flut aus Bildgewalt denkbar, um einfach mal ohne Worte zu wirken, zu sprechen. Das ist auf Dauer anstrengend („Hey Terrence!“), da ein Reiz ausgebeutet wird. Wenn schon die Gegebenheiten des Films es erlauben, dann verlangt das gemeine Publikum auch nach mehr. Doch was ist wann genug?
Über die Erzählperspektive entscheidet die Kamera; sie offenbart die Handlung, von ihr sind wir abhängig, ihr müssen wir folgen, ob wir wollen oder nicht. Ähnlich verhält es sich nun mit dem, was wir hören. Die Geräuschkulisse, die Sprache mit Worten sowie untermalende Musik – ist doch alles schnell aufgezählt. Doch im Zusammenspiel mit dem Bild funktionieren sie grundverschieden! Gehören die Geräusche zur Szene selbst oder werden etwa in phantastischer Manier Einbildungen projiziert? Stehen Stimmen im Vordergrund oder verhallen sie dumpf zur Steigerung der Atmosphäre? Ist die Musik für jeden in der Szene hörbar oder kommt nur der Zuschauer in den Genuss? Erzählt – mein geliebter Off-Kommentar – dem Publikum etwas um des Erzählen willens, oder wird gar ein Monolog, bspw. ein Tagebucheintrag gespiegelt? (siehe »Vielleicht lieber morgen«) Um es auf den Punkt zu bringen: Wird die auditive Ebene sinnvoll in den Filmkontext eingebettet, oder verkommt sie zum sinnentleerten Selbstzweck?
Der Zusammenhang von Bild und Ton bestimmt im Wesentlichen über die Qualität des Films. »Warm Bodies« von Regisseur Jonathan Levine (»50/50«, »All The Boys Love Mandy Lane«) nutzt den Off-Kommentar filmintern. Nicholas Hoult ist ‚R‘, ein Zombie. Wer [so wie ich vor der Sichtung] der festen Überzeugung ist, dass bei einer Zombieepidemie kein, ich betone: KEIN Platz für Zombiemitleid ist, der wird bei diesem Film tatsächlich zum Nachdenken gebracht. Kunstmärchen stützen sich auf eine ureigene Faszination, beleuchten etwas Existentielles aus einer etwas anderen Sicht. Der Zugang ist meist gewöhnungsbedürftig und doch reizend einfach, weil etwas Bekanntes, volkstümlich Traditionelles im Ansatz gebrochen wird.
Die Kamera verharrt auf ‚R‘. Oberflächlich gesehen sieht sich der Zuschauer, so rein von außen betrachtet, einer grauenerregenden, tristen und hoffnungslosen Situation konfrontiert. Er kennt diese Situation aus zahlreichen Endzeitfilmen. Er sieht den schlurfenden ‚R‘, der zu seinem Vorteil in einer augenscheinlich verlorenen Welt noch nicht übermäßig zersetzt ist. Der Zuschauer hört die Stimme aus dem Off, er hört die Gedanken von ‚R‘, er weiß nun, dass ‚R‘ denkt. Denken ist menschlich, doch ‚R‘ ist ein Zombie. Zombies sind …
»Warm Bodies« lebt von genau diesen bizarren, und doch treffsicheren Gegenüberstellungen. Sei es nun die Masse im Gegensatz zum Einzelnen bzw. im Gegensatz zu einer abgesplitterten Gruppe Abtrünniger, oder aber die Diskrepanz von abstoßender Schönheit, oder die ach so simple Frage nach dem Leben und dem Tod oder … : Allumfassend wird hier fabuliert am Beispiel eines Helden, der die Unantastbarkeit der Würde zur Diskussion stellt.
Mit einfachsten Mitteln schafft Jonathan Levine eine Ausgangssituation mit internem Konflikt, der interessant ist und sich im weiteren Verlauf konsequent zuspitzt. Alles kommt so richtig ins Rollen, als ‚R‘ Visionen erfährt, Erinnerungen lebendig werden an eine längst verloren geglaubte Menschlichkeit. ‚R‘ ist krank und wehrt sich gegen sein Schicksal und erleidet doch stets Rückfälle in seinem Schmachten nach Gehirn. Er, und mit ihm der Zuschauer, durchwandelt einen Prozess der Vermenschlichung, der rührseeliger kaum in Szene gesetzt werden kann, und doch, eben vor allem auch in der Musikwahl, den richtigen Ton trifft. Die Vorhersagbarkeit stört dabei kaum, denn wenn eine große kleine Dystopie sinnvoll in eine Utopie gleitet, ist der Gedanke an ein funktionierendes Herz schöner als der Irrglaube an eine verkitschte Romanze.

Wertung: 8.5 / 10

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