Amour (2012)

Ein gutes halbes Jahr ist es her, da begab sich unser geliebter Blog in den verfrühten Winterschlaf. Ausgerechnet ein Werk des als unterkühlten Beobachter geltenden Österreichers Michael Haneke schmilzt nun die unfreiwillig begrabende Schneedecke und bewegt genug, um den Autor dieser Review zum Schreiben zu bewegen: „Liebe“ ist ein eindrucksvoller Beweis, dass die überholte und trotz aller Versuche der Frischzellenkur (zuletzt durch den Anarcho-Humor des Seth MacFarlane in der Light-Version) schnarchige Academy doch hier und da einen Glückstreffer landet – ausgerechnet bei einem Film, dessen HauptdarstellerInnen über 80 Jahre alt sind. Während viele Filme Hanekes als streitbar gelten (insbesondere die früheren Werke „Benny’s Video“ und „Funny Games“), ist der Status „Meisterwerk“ für das jüngste Werk der grauen Eminenz mit dem eher mediokren Englisch für viele KritikerInnen indiskutabel. Und tatsächlich, „Amour“ besticht durch seine grandios authentischen, unprätentiösen DarstellerInnen, durch sanfte, liebevolle, aber gleichzeitig wunderbar zurückhaltende Hand geführt durch den simplen Plot. Das ansonsten eher unrühmliche Attribut „simpel“ ist in diesem Kontext jedoch als im besten Sinne positiv zu verstehen, denn es geht um den Alltag des Älterwerdens, des Für-einander-da-seins und, ja, um Liebe. So „einfach“ kann Kinokunst sein.
Zudem bleibt zu bemerken, dass mir kein Film bekannt ist, der die Komplikationen und Folgen eines bzw. mehrerer Schlaganfälle dermaßen realistisch darstellt (was freilich auch der zu Recht mit dem Oscar nominierten Emmanuelle Riva zu verdanken ist). Dadurch berührte mich „Amour“ auf einer ganz persönlichen Ebene, fühlte ich mich doch an meine prägende Zeit als Pflegehelfer in einem Altenheim zurückversetzt. Eine Zeit, in der ich innerhalb nur eines Jahres mehr über mich selbst und, das konstatiere ich bewusst, das Leben gelernt habe als jemals wieder in den Jahren danach. Was die Berührung mit dem Alter und, ja, gewissermaßen dem „menschlichen Verfall“ mit sich bringt, wird an keiner Uni vermittelt. Hanekes Werk „Liebe“ stellt eben dadurch den Höhepunkt seines künstlerischen Schaffens dar, indem es dieser Erfahrung so nah kommt, wie ein (Spiel-)Film einer derart einschneidenden Erfahrung überhaupt nur kommen kann.
„Amour“ ist in seiner dokumentarsich anmutenden, unpathetischen, dem Kitsch fernen, gleichzeitig distanzierten wie fast schon unbehaglich nahen Erzählweise makellos und ein Paradebeispiel des vermeintlichen Bestrebens des Regisseurs, trotz oder gerade wegen der scheinbaren (Gefühls-)Kälte an der Oberfläche, Wärme und Empathie in der Tiefenstruktur zu schaffen sowie Einsichten in die Erfahrenswelt des Alters zu geben, vor der wir uns alle wohl so lange scheuen, bis wir unmittelbar damit konfrontiert werden – ganz so wie die Akteure des Films. Damit provoziert Haneke nicht nur einen Schritt in Richtung Verstehen, sondern trifft zweifelsohne den Nerv einer Zeit, in welcher wir Menschen immer älter werden, gleichzeitig aber den Respekt vor dem Alter und dem eigenen Älterwerden sowie dem Altern anderer zu verlieren scheinen bzw. gar nicht mehr darum wissen, was mit einem Menschen und seiner Umwelt geschieht, wenn er plötzlich nicht mehr in gewohntem Maße am gesellschaftlichen und kulturellen Leben teilnehmen kann. Wer alt ist, gehört im wahrsten Sinne zum „alten Eisen“, ist unbrauchbar, abgeschrieben und eh schon eigentlich so gut wie tot.
„Liebe“ könnte dazu beitragen, ein gewisses Quäntchen Respekt vor dem Alter wieder herzustellen, und, was noch wichtiger ist, auch die Würde des Alterns, ohne erhobenen Zeigefinger oder Moralkeule. Hanekes Film ist ein zutiefst bewegender Film, dessen Wichtigkeit gar nicht oft genug betont werden kann. Und ja, „Liebe“ ist ein Meisterwerk.

Wertung: 10/10.

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Die etwas anderen Cops (2010)

„Komm raus, Witz! Du bist umstellt!“
„The Other Guys“ hat das gleiche essentielle Problem wie einst „Loaded Weapon 1“ mit Charlie Sheen-Bruder Emilio Estevez anno 1993: Der Versuch, etwas zu parodieren, was an sich schon nicht ernst gemeint ist, ist oftmals im wahrsten Sinne schlicht witzlos und kann leicht als Rohrkrepierer enden, und das ist damit neben des Mitwirkens von Samuel L. Jackson nicht die einzige Parallele zwischen beiden nur leidlich komischen Komödchen. Es gibt kaum ein ausgelutschteres Sub-Genre als die Buddy-Cop-Action-Comedy, die trotzdem immer wieder auf ihren ausgetrampelten Pfaden ihren Weg ins Kino sucht. Den Anfang machten 1982 Nick Nolte und der fortan als Plappermaul par excellence verheizte Eddie Murphy in „Nur 48 Stunden“. Es folgten unzählige Ableger und Kopien, darunter sind die noch am ehesten als gelungen zu bezeichnenden Exempel der zum Paradebeispiel avancierte und durch das eingangs erwähnte Machwerk mit dem Versuch einer Parodie bedachte „Lethal Weapon“ (1987), dessen Sprüche („Ich bin zu alt für diesen Scheiß“) noch heute in allseits beliebten Serienerfolgen wie „How I Met Your Mother“ Rechnung getragen werden, und der mit dem ebenfalls bereits erwähnten Charlie Sheen und Altmeister Clint Eastwood, bevor er mit steigendem Alter aus dem „Dirty Hary“-Actionfach in seichtere Gefilde wechselte, besetzte „Rookie“ aus dem Jahre 1990. Seither gab und gibt es immer wieder Neubelebungs-Versuche dieses Genres, welchem in seiner Formelhaftigkeit wohl noch weniger Nuancen abgewonnen werden können als dem ebenfalls gern reanimierten Teenie-/Backwood-Horror im Abzählreim-Stil. Ergo scheitern die meisten Versuche auch kläglich, einzig das geniale Simon Pegg/Nick Frost-Vehikel „Hot Fuzz“ (2007) hat es geschafft, eine eigenständige Story zu entwickeln und gleichzeitig die Genre-Vorbilder mit herrlich galliger Chuzpe zu veräppeln. Eine Parodie also, die im eigenen Dunstkreis wie auch im parodierten Genre Maßstäbe setzte. Ähnlich gelungen scheint der von der Kritik gefeierte „21 Jump Street“ zu sein, der erst kürzlich mit Erfolg im Kino lief, und macht es damit offenbar deutlich besser als der mit einem dümmlichen deutschen Copy/Paste-Titel versehene „Die etwas anderen Cops“:
Während Samuel L. Jackson und Dwayne „The Rock“ Johnson als Rockstar-Bullen-Duo mit etwas seltsamem Film-Tod Spaß machen, leiern sich der um Zurückhaltung bemühte Will Ferrell und der blass wirkende Mark Wahlberg Kalauer aus dem Kreuz, die nur selten wirklich zünden. Das ist unter Anderem darauf zurückzuführen, dass die meisten Genre-Zitate nicht deutlich genug als Parodie erkennbar sind und man oft das Gefühl bekommt, tatsächlich einen Buddy-Komödien-Ableger präsentiert zu bekommen – einen teilweise zum Fremdschämen unlustigen obendrein. Zu viele nette Ideen werden hier mit Schwung ins Aus geschossen, so möchte auch der an sich amüsante Running-Gag um Will Ferrells auf mysteriöse Weise auf äußerst attraktive Frauen (wie seine Gattin Eva Mendes zum Beispiel) erotisierend wirkende Ausstrahlung nicht wirklich funktionieren, Mark Wahlbergs Fassungslosigkeit in diesem Zusammenhang sowie seine Zuneigung zu Eva Mendes wirken zudem nach der x-ten Wiederholung nur noch gekünstelt und ermüdend. Allzu häufig verliert sich „The Other Guys“ in Albernheiten, die zum Teil schon fast „Scary Movie“-Niveau haben: Platt, niveaulos und, was am peinlichsten ist, nicht mal neu.
Der von Kritik und Fans seltsamerweise hochgelobte filmgewordene Altherren-Witz funktioniert weder als Parodie noch als Cop-Comedy, und sogar das willkommene Wiedersehen mit Michael Keaton verläuft im Treibsand der überzogenen Zoten. Die klamaukigen Dialoge wirken gestelzt und auch das Duo Wahlberg/Ferrell erfreut sich nicht der notwendigen Trottel-Chemie und kann uns die meiste Zeit nur ein wohlwollendes, aber dennoch müdes Lächeln abgewinnen. Somit kann man leider die wirklich guten Gags des Films an zwei Händen abzählen und den besten Spruch hat Will Ferell kurz vor dem Koitus mit der sich schon vor ihm lasziv räkelnden Eva Mendes in Geilheit aus dem Mundwinkel zischend auf seiner Seite: „Ich brech dir die Hüfte!“ Das schreit nach Nachahmung, der Großteil des restlichen Films leider weniger.

Wertung: 4.0/10.

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Total Recall (1990)

Tatsächlich der erhoffte Sci-Fi-Kracher, der nicht weniger zu bieten hat als absolut grenzwertige Over-The-Top-Non-Stop-90’s-Action mit 80’er-Jahre-Fingerspitzengefühl! In Regisseur Paul Verhoevens munterem Gorefest berstet, spritzt und explodiert es an jeder Ecke, dass es nur so kracht! Hier ist nichts düster oder im Verborgenen gehalten; frei heraus wird dem Zuschauer ein knallbuntes Festmahl serviert, dass sich schrill und äußerst kreativ gibt. Eine zukünftige Möglichkeitsvielfalt wird abgegrast (Kubismus olé!) und auf ein intergalaktisches Niveau gehoben, nur um sich dann selbst nicht so ernst zu nehmen. Ein Augenschmaus daher auch für heutige Verhältnisse, trotz und gerade wegen der absolut maßlosen, total-trashig-dröhnenden Überspitzung! Denn obgleich sämtliche Sequenzen einzig und allein auf Effekthascherei drohen abzuzielen, ist die Storyline so unglaublich smart und liebenswert ironisch, dass sie den eigenen Plot im Plot jederzeit fest im Griff hat. Selbst der geschwätzige Taxifahrer bemerkt am Rande, dass sie sich im Kreise drehen.
Augenscheinlich dem Action-Sci-Fi-Genre verpflichtet, schafft »Total Recall« den sehr aufwendigen Spagat zwischen Sci-Fi und Fantasy, woraus die akkurate Handlungskonsequenz entsteht. Während nämlich zunächst alles auf ein Traum-Wirklichkeits-Spiel (Echt vs. Unecht – Wahrheit vs. Traum) hinausläuft, verführt die Erzählung zu verfrühter Thesenbildung und besch(l)ießt sich letztlich selbst in hochamüsanter Genreadaption: Es hagelt nur so Action-Reißer-Klischées, die jedoch schlüssig in den Kontext eingebunden sind und dadurch ein sinnstiftendes Gesamtkonzept ergeben! Gewalt wird als fast schon liebenswerter Selbstzweck inszeniert und dient damit in der Bespaßung der inhärenten Entwurzelung. Der ganz eigene amerikanische Traum wird hier ausgelebt, auf Zelluloid gebannt und lässt einen selbst als Zuschauer abschalten (ohne wegzutreten), um schlicht zu unterhalten. Selten geriet ein derart eindimensionaler Protagonist wie Douglas Quaid zur Zielscheibe maßgeschneiderter Sympathie. Die (fast schon Drei-)Spaltung des Egos ist ein Kunstgriff das eigene Genre nach Wunsch zu befeuern, wodurch die »Spannung« nicht auf herkömmliche Weise entsteht. Der Film macht keinen Hehl aus möglichen Phantasmen und Unglaubwürdigkeiten – vielmehr ist das Wunderbare auf selbstverständliche Weise im wissenschaftlichen Fortschritt verankert. Es bedarf keiner frickeligen Rechtfertigung samt (natürlich) erz-logischer Erklärung: »Total Recall« ist ein herzlicher, inbrü(n)stiger Genre-Mutant ohne böse Absicht, aber mit brutalst echt-wirkendem Body-Count.
Arnold Schwarzeneggers schauspielerisches »Talent« kommt in diesem Potpurri vollends zur Geltung und wirkt in keinem Moment unglaubwürdig – trotz eigentlich haarsträubendem Acting hart an der Schmerzgrenze. Er übernimmt mühelos das schicksalsgebeutelte Filmruder und strotzt nur so vor reißerischer Kraft, die ihm zu einer authentischen Vermittlung einer fremdgesteuerten Heldenfigur verhilft. Sharon Stone wechselt dagegen im Laufe der Handlung mehrmals spielerisch den Charakterdress und wirkt dabei ebenso entschlossen wie Bösewicht Cohaagen (Ronny Cox) den Plot im Plot von Kulisse zu Kulisse abwechslungsreich voranzutreiben. Dabei flimmert und blitzt immer mal wieder ein zweifelnder Ausreißer zur Wahrheitsfindung auf, nur um dann via Headshot ins filmische Jenseits befördert zu werden.
Das alles gipfelt dann schließlich im pompösen Finale, das mit seiner phantastischen Konsequenz sich selbst treu bleibt und sinnvoll im Komplexen auflöst. Einzige Wermutstropfen bilden einerseits das der Untermalung dienende musikalische Einerlei, das allerdings im wiederholenden Geschrammel nervt und damit den Effektekrach zielsicher übertönt. Andererseits vermiest (ein bisschen!) die drängelnde, fast schon aufdringliche Explizitheit, die der Narration anhaftet und die in der Überspitzung subtiler hätte ausfallen können. Dieser Art der Erklärungen bedarf es doch eigentlich gar nicht – dennoch sind sie filmintern realisiert; womöglich um das Publikum nicht allzu arg vor den Kopf stoßend abzuschrecken – was heutzutage (beim Gedanken an die Fülle ‚realistischer‘ Comicverfilmungen) gar nicht mal so grauer Theorie entsprechen dürfte. Denn ehrlich gesagt bereitet mir die in kurzer Zeit anlaufende Neuauflage rund um Starensemble Colin Farrell, Kate Beckinsale und Jessica Biel Bauchschmerzen. Zwar wäre eine Kopie, sprich ein simples Remake des Verhoevenschen Werkes unsinnig, allerdings könnte eine inceptioneske Herangehensweise an den Stoff tierisch in die Hose gehen. Hier dagegen ist das Gegenteil äußerst geglückt.
Jedenfalls sollte daher vor der »Neu«-Sichtung nochmals eine unterhaltsame, muntere, gar nicht altbackene »Alt«-Sichtung erfolgen – der Vergleich zum Reboot/Remake dürfte dann mehr als interessant ausfallen.

Wertung: 8.5 / 10

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Another Earth (2011)

Ein bis dato unbekannter Planet wird am Himmel entdeckt, welcher der Erde bis ins Detail zu gleichen scheint. Für Rhoda (Brit Marling) bedeutet dieses Ereignis die Assoziation mit einem schrecklichen Unfall, der ihr Leben und das aller Beteiligten verändert: Betrunken verursacht sie einen verheerenden Crash, welcher der Familie von Universitätsprofessor John Burroughs (William Mapother, „Lost“) das Leben kostet. Nach vier Jahren wird sie aus dem Gefängnis entlassen und sieht nun in der Motivation, auf die nun unverkennbar deutlich sichtbare „Zweite Erde“ zu reisen, die Möglichkeit, sich auch von ihrer Schuld zu befreien und ein neues Leben zu beginnen. Sie sucht den Überlebenden des Unfalls mit fatalen Folgen, John Burroughs, auf und beginnt unter einem Vorwand dessen verwahrlostes Haus, und damit einhergehend auch dessen verwahrlostes Leben, zu entrümpeln und ihm wieder neuen Sinn zu geben…
„Another Earth“ kann als eine thematische Antithese zu Lars von Triers fast zeitgleich entstandenen „Melancholia“ verstanden werden. Während Lars von Triers Himmelsstern das Ende der Welt bedeutet, ermöglicht die zweite Erde den Menschen eine Perspektive auf Katharsis, und ein besseres Ich. Dabei ist die Regie-Arbeit von Debütant Mike Cahill in seiner omnipresenten Symbolik, auf welcher der in seiner Gänze recht dünne und teils vorhersehbare Plot fußt, nicht minder plump und offenkundig, jedoch visuell und inszenatorsich weit weniger eindrucksvoll als von Triers depressive Apokalypse. Dennoch hat das von Cahill in Zusammenarbeit mit Hauptdarstellerin Marling verfasste Drehbuch und die darin aufgeworfenen Fragen über das Sein und das Nichtsein durchaus seinen Reiz, und natürlich sind dabei jegliche Gesetze der Astrophysik außer Kraft gesetzt und das ist in Anbetracht des metaphorischen Charakters der titelgebenden „anderen Erde“ auch vollkommen legitim (um solche „Nebensächlichkeiten“ kümmerte sich ja auch von Trier herzlich wenig). Allerdings liegt das größte Problem des Films darin, dass seine Macher scheinbar nicht in die Abstraktionsfähigkeit seines Publikums vertrauen. Somit kauen sie uns sämtliche aufgeworfenen Fragen explizit durch eine Priester-ähnliche Stimme aus dem Off vor und öffnen damit Möchtegern-Philosophen Tür und Tor, Vorgegebenes unreflektiert wiederzukäuen. Alle anderen dürfte das langweilen oder gar ärgern. Es sollte doch einer Independent-Produktion dieser Güte der Mut und das Vertrauen in die eigene Wirkung und die Aussagekraft innewohnen, gerade wenn sie sich einer Metaphorik bedient, die per se schon eigentlich keiner großartigen Erklärung bedürfen sollte.
Trotz und alledem ist „Antoher Earth“ keinesfalls misslungen. Obwohl Marlings Wandlung der in sich gekehrten, ängstlichen und menschenscheuen Ex-Strafgefangenen zur lebensfroheren jungen Frau sowie Mapothers Metamorphose des depressiven Trunkenbolds, der im Chaos vor sich hin vegetiert, zum feingeistigen Intellektuellen, der er einst war, vorhersehbar sind, so sind sie dennoch nicht allzu formelhaft geschrieben und überzeugend gespielt. Beide DarstellerInnen erwirken durch ihre emotionales, aber nicht überzogenes Spiel, eine Bedeutsamkeit für „Another Earth“, welche die im Vergleich zu „Melancholia“ eher schwachen, dennoch aber keinesfalls unbeeindruckenden Bilder mit der nötigen Substanz untermauern. Besagte Nervensäge aus dem Off meldet sich auch nur wenige Male zu Wort, um eben jene Substanz ins Wanken zu bringen, wodurch man hinsichtlich ihrer bloßen überflüssigen Existenz ein Auge zudrücken kann.
Alles in allem ist „Another Earth“ durchaus einen Blick wert, und eine Beschäftigung mit ihrer Thematik lohnt sich: Was würde ich tun, wenn ich mir selbst begegnete? Was würde ich zu mir sagen?
Denkt mal drüber nach.

Wertung: 7.0/10

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Das Schwein von Gaza (2011)

Jeder kennt das: Man sitzt gespannt in der Sneak-Preview und hofft auf irgendetwas Unterhaltsames. Bitte keinen überdramatischen Tränenzieher, kein ach-so-kunstvolles Avantgarde-Hippie-Laientheater und bloß nichts sonst irgendwie Anstrengendes. Das heißt oftmals auch: Bitte nichts Französisches! Und dann die Ernüchterung, „In Zusammenarbeit mit Canal+“ erscheint im Vorspann, die NRW-Filmförderung war offenbar auch mit im Boot. Ein Raunen geht durch das vollbesetzte Kino. Dann der Titel des von allen gefürchteten Machwerks: „Das Schwein von Gaza“. Die ersten Menschen verlassen den Saal, die meisten davon im Clearasil-Alter. Kinder, wärt ihr doch mal sitzen geblieben!
Während die ersten Minuten der französisch-deutsch-belgischen Ko-Produktion ein Drama über die Armut der kleinen Leute des titelgebenden Kriegs- und Krisengebiets vermuten lassen, entwickelt sich unser Schweinchen mehr und mehr fröhlich grunzend zu einer einfach hinreißenden Komödie – und obendrein zu einer herrlich respektlosen Allegorie auf die Schwachsinnigkeit des scheinbar ewigwährenden Konflikts im, am und um den Gaza-Streifen. Hauptdarsteller Sasson Gabai irrt wunderbar unbeholfen mit seinem klapprigen Nicht-Fahrrad umher, mit der erdrückenden Last auf den Schultern, eines Morgens eine 50-Kilo Sau in seinem Fischernetz gehabt zu haben. Nachdem er zunächst erfolglos versucht, diese schweingewordene Strafe des Herrn u.a. an UN-Mitglieder zu verkaufen -die essen ja sowas- kreuzen nach und nach immer häufiger skurille Situationen seinen Weg, in denen er die Möglichkeit sieht, seinen vermeintlichen Nachteil in einen Vorteil umzukehren. Doch natürlich bleibt sein Geheimnis kein solches, schließlich gilt das Schwein als unheilig und er selbst als Besitzer als Verräter. Dies bringt Terroristen auf seine Spur, die ihn und das Schwein für ihre Zwecke benutzen wollen, doch zur Freude des Publikums hat Jafaar (Gabai) da „noch ein paar Fragen zu seinem Dschihad“ und die Sache mit dem ihm aufgezwungenen Märtyrer-Dasein auch nicht so ganz verstanden…
Die Komödie von Sylvain Estibal ist in vielen Momenten erfrischend komisch und, siehe da, dem einst raunenden Publikum entrinnt nun doch ein Glucksen, zum Teil gar ein schallendes Gelächter aus der skeptischen Kehle. Natürlich wird am lautesten gelacht, wenn es im wahrsten Sinne „versaut“ zugeht und unser sympathischer Anti-Held an das Sperma seines Schweins kommen möchte, um dies zu Geld zu machen. Welche Handlungen Jafaar dazu an seinem grunzenden Gefährten wider Willen vornehmen muss, hat zwar meine Sitznachbarin nicht verstanden, aber ihre Begleitung konnte sie aufklären und ich hatte Spaß. Auch am Film.
Dankenswerterweise besticht „Das Schwein von Gaza“ aber in erster Linie durch leise, feinfühlige und mehr oder minder subtile Töne, und nimmt religiöse und politische Aspekte des Gaza-Konfliktes herrlich innovativ auf’s Korn, während meine Sitznachbarin erklärt bekommt, dass sie dies nicht verstehen muss: „Is‘ was Politisches“, wird sie beschwichtigt. Und ja, das hat ihre Begleitung ganz richtig verstanden, denn, Überraschung, latent politisch ist eigentlich der ganze Film! Dennoch bekommen wir weder eine moralinsaure „Seid nett zueinander“-Message unter die Schweinenase gerieben, noch kippt diese filmische Perle mit seinen wunderbaren DarstellerInnen im letzten Drittel ins Tragische. Im Gegenteil, „Das Schwein von Gaza“ wird dann sogar etwas zu seicht und für einen kurzen Moment wird sich jeder, der sich ein klitzekleines bisschen mit den Umständen des betreffenden Konfliktes auskennt, selbst auf die Schippe genommen fühlen. Jafaar, der sich inzwischen zum Publikumsliebling gemausert hat, kommt doch mit seiner Idee, den fatalen Folgen seines Irrglaubens, man müsse nicht unbedingt tot sein, um als Märtyrer zu gelten, zu entkommen, indem er schlicht und ergreifend wegläuft (und währenddessen Autogramme und Ohrfeigen an kindliche Bewunderer verteilt), etwas zu leicht davon und dem Lachen des Publikums mischt sich ein kurzes Kopfschütteln bei. Das, Herr Estibal, kannste deiner Oma erzählen.
Und dennoch, im Kontext genau jener zum Teil zu seicht in Szene gesetzten Situation enspringt einer der köstlichsten Dialoge des ganzen Films: Der (im Übrigen nicht wirklich ernstzunehmende) Terroristenführer möchte Jafaar, der gerade nach seinem vermeintlichen Selbstmord-Attentat mit für Märtyrer ungewöhnlich viel Appetit das ihm vorgesetzte Festmahl vertilgt, klarmachen, dass er weder das Wörtchen „Selbstmord“ noch den Zusatz „Attentat“ richtig interpretiert hat und zeigt auf die Wand hinter ihm, welche mit zahlreichen Bildern von Märtyrern versehen ist:
„Was“, fragt er sinngemäß, „haben all diese Männer gemeinsam?“
Jafaar: „Einen Bart?“
Terrorist (genervt): „Ja! Und was unterscheidet Dich von ihnen?“
Jafaar: „Das Schwein?“

Das herzige, dialogstarke Lustspiel des palästinensischen Regisseurs hat so viele einfach wunderbare, intelligente und wirklich witzige Momente zu bieten, dass man gerne das ein wenig flache, und zudem sentimental-unglaubwürdige Ende verzeiht. Auf den erhobenen Zeigefinger wartet man glücklicherweise auch vergebens, es stirbt niemand und auch das Schwein darf irgendwann sein Schafs-Kostüm (!) ablegen und einfach nur Schwein sein. Alle nochmal Schwein gehabt, auch die Sneak-Besucher. Grunz und Applaus!

Wertung: 7.0/10.

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Alien – Das unheimliche Wesen aus einer fremden Welt (1979)

Womöglich wird mir mein geschätzter Kollege Max kopfschüttelnd entgegentreten und die fehlenden 2.5 Punkte mit einem eigenen Text versuchen zu ergänzen: Doch aller optischen Superlative zum Trotz, offenbart der zu einem absoluten Klassiker emanzipierte »Alien« einige Schwächen auf einem Terrain, das nichts mit kleinkariert vermiesender Stecknadelsuche zu tun hat. – Aber der Reihe nach.
Nachdem die »Psycho-Rezeption« sich zeitversetzter Klassikerprobleme auszusetzen hat(te), liegen die Karten bei »Alien« ein Stück weit anders, wenngleich mit ähnlicher Voraussetzung bzgl. des zeitlichen Überstatus‘. Optisch allerdings immernoch – über 30 (!) Jahre später – eine absolute Augenweide, die sich mit ihrer organischen Struktur in keiner Ecke vor heutigen Produktionen verstecken braucht, verführt die visuelle Ebene inklusive atmosphärischster Bassvertonung den Zuschauer schon sehr früh zu Lobhudelei in den allerhöchsten Tönen. Das ist auch nicht weiter verwunderlich, gelingt es doch mit dem optischen Reiz am Ursprünglichsten, Zugang zu einem Film zu erhalten. Regisseur Ridley Scott samt ganzer Crew schaffen ein Universum, das mit Detailverliebtheit glänzt, sei es in technisch-mechanischer Hinsicht (es blinkt und leuchtet und blitzt und tropft und schimmert … fast überall) oder im Hinblick auf die akribisch minutiöse Auswahl an Kameraeinstellungen, um jeden noch so bewegenden Moment gebührend einzufangen.
Das Erzähltempo verharrt dabei stets auf unterhaltendem Blockbusterniveau und weiß auch definitiv zu fordern, womit sich gemächlich bereits hier eine direkte Überleitung zu -der- anderen, wesentlichen Konstituente des Films – neben der Form – ihren unaufhaltsamen Weg bahnt: Inhalt. Der Leser erwartet wohl nach obiger Ankündigung einen nun folgenden Verriss, mit dem ich jedoch nicht, zumindest nicht in vollem Maße dienen kann und werde. Denn »Alien« zettelt im Jahre 1979 einen Diskurs an, der ihn im wahrsten Sinne des Wortes zu einem Klassiker emanzipiert. Gemeint ist die mimisch und gestisch fantastische Leistung von Sigourney Weaver, die es schafft, ohne unglaubwürdig zu over-acten, authentisch den Gegenpart zum chauvinistischen Unsympathen Parker, dreckig gespielt von Yaphet Kotto, zu verkörpern. Sie ist (bzw. soll sein [– dazu gleich mehr]) der kühl kalkulierende und doch sympathisch anmutende Teil einer insgesamt sehr differenziert ausgearbeiteten Gruppe von Menschen, die wie Gegenspieler einer zusammen gewürfelten Einheit wirken. Sigourney Weaver dient als Bindeglied, den Zuschauer einzuladen und an der Hand zu packen, Teil der Crew zu sein, mitzuempfinden und Anteil zu nehmen am Geschehen, das einige Überraschungen (hier wird nicht gespoilert) gruppenintern zu bieten hat. Inmitten des Films offenbart sich in einem zentralen Dialog die Reflexion der Menschlichkeit als Organismus, dessen Perfektion … naja. Jedenfalls erreicht der Film zur richtigen Zeit Tiefgang, den der Zuschauer gefälligst in den gefertigten Bildern und nicht in diesem Text finden sollte.
Auf der Handlungsebene herrscht zudem in der besagten zweiten Filmhälfte reges Treiben, viel Unterhaltung und stets positive Kurzweil – Action und Spannung geben sich die Hand, wobei scheinbar überraschend der Suspense weniger intensiv, weniger fordernd ausfällt. Während nämlich inszenatorisch in diesem Zeitabschnitt bishin zum grande Finale glänzend dirigiert wird, ist bereits zuvor – in den ersten 60 Minuten – ein jedem Science-Fiction-Spektakel wesentlicher und unumgänglicher Aspekt aus den Augen geraten: Die Genese des filmisch erzählten Universums. Was heißt das und vor allem: Was bedeutet das? Ich will kein visuell-manipulierendes Kalkül unterstellen, auch wenn es geschickt wirkt, mit pompösen, äußerlichen Reizen unangenehme Universalfragen zu umgehen, die sich zwangsläufig aber aus der Geschichte heraus ergeben müssten. Doch mir als Zuschauer (vielleicht anderen schon – mir nicht) reicht es nunmal nicht vermittelt zu bekommen, dass jene Nostromo eine Art Handelsfrachter mit einer Besatzung von 7 Personen ist. Ein Film, der auf ganz großem Fuß die menschliche Existenz als zu perfektionierenden Organismus inmitten eines alle Existenz umfassenden Überlebensspektakels thematisiert, muss die Frage zur Beantwortung stellen, inwieweit die Menschen das bisherige Universum ergründet haben, welche Vorerfahrungen (natürlich nur im Ansatz) geschehen sind und welche Sensibilität allgemein neuen Lebensformen gegenüber herrscht. »Alien« bemüht sich unzureichend um diese Fragen und gibt Scheinantworten, die sich widersprechen.
Einerseits [SPOILER-SPOILER-SPOILER] existiert der unwiderrufliche Auftrag Halt zu machen bei neuartigen Lebensformen und diese für Untersuchungszwecke zurück zur Erde zu schaffen, andererseits betreibt man Handel mit Sonnensystem entfernten … ja was denn? Aliens? Menschen? Planteten? Galaxien? [/SPOILER-ENDE-ENDE-ENDE]
Wie lautet der Hintergrund dieser interessanten Personen, wie kann im Subtext geschildert werden, was die Zukunftsvision sonst noch zu bieten hat? Bei näherer Betrachtung hat sich Ridley Scott dazu entschieden ein Kammerspiel zu inszenieren, um diesen Fragen aus dem Weg zu gehen. Das wäre ja auch alles gar kein Problem, würden nicht die Nachvollziehbarkeit der Handlungen jedes Einzelnen von diesen Fragen abhängen! Inkonsequenz ist die Folge, wenn Ripley einerseits darauf besteht die Quarantänevorschriften einzuhalten, andererseits dann wiederum auf unvorsichtigste Weise mit dem soeben noch Kranken plauscht und anschließend auch noch locker frühstückt, als wäre nichts geschehen. (Übrigens immer alle gemeinsam, während sich später immer alle trennen müssen!) Die Crew wirkt insgesamt wie die furchtloseste Einheit schlechthin und spendet damit Misstrauen. Sie machen Entdeckungen, als wären diese ein Allerweltsfund – demnach gibt es in diesem Universum Aliens bzw. andere Lebensformen, mit denen Handel betrieben wird (diese These unterstützt auch die Frage nach dem »menschlichen« Notrufsignal) – übelst ätzende Säure scheint ihnen komplett latte, nachdem sie bemerkt haben, dass sie 3 Stockwerke tief gesackt ist. Die Handlungen der einzelnen Besatzungsmitglieder ließen sich ja insoweit auf Neugierbefriedigung zurückführen, was die Instrumentalisierung und Inperfektion der Spezies Mensch weiter unterstützt, allerdings wirkt ihr Agieren derart fahrlässig, dass die Nähe zu den Charakteren flöten geht, wenn selbst ich mich auf meinem Sofa ängstlicher verhalten würde. Auch das mag intendiert sein, lässt mich jedoch spannungstechnisch gegen Ende abschalten, was zugegeben eine recht harte, in Kauf genommene Konsequenz darstellt. Zusammengefasst ist es der unbehandelt zurückbleibende Kontext, der das Reflexionspotential auf inhaltlicher Ebene stagnieren lässt. Fragen aufzuwühlen und selbst Fragen zu hinterlassen, ist einem Film positiv anzulasten. Wird dieses Lechzen nach Antworten aber überstrapaziert, verliert die Wirkung eines derart hochgelobten Streifens deutlich an Substanz. Auch wenn die Universumsgenese lediglich einen kleinen, winzigen Aspekt einzunehmen scheint, darf dieser Parasit (ja – die Anspielung ist gewollt) eben nicht auf ganzheitlicher Ebene unterschätzt werden – die Möglichkeit auf verheerende, größer ausfallende Folgen ist überwältigend.
Mag sein, dass ich zu hart bin – sorry Max! »Alien – Das unheimliche Wesen aus einer fremden Welt« ist und bleibt ein absolut sehenswerter Film; dass er einen die gesamte Laufzeit überdeckenden miesen Eindruck samt unverständlichem Gefühl verursachte, halt weil er seinen eigenen Hintergrund ungenügend hinterfragte, muss er allerdings zu spüren bekommen.

Wertung: 7.5 / 10

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The Dark Knight Rises (2012)

Groß und meisterlich sollte er werden, der Schlussakkord zu Chrisopher Nolans fulminanter, einer Wiedergeburt gleichkommender Neubelebung einer in die Grütze gerittenen Legende. Noch größer und meisterlicher als der Vorgänger „The Dark Knight“ von 2008? Mal Tacheles: Wer das wirklich erwartet hat, ist selbst Schuld. Zum einen konnte Nolan Heath Ledger nicht klonen und damit nicht den Wahnsinn und das anarchische Chaos dessen Figur in seinen neuen Film übertragen. Zum Anderen setzte der von Kritik und Publikum gleichermaßen gepriesene dunkle Ritter auch in sämtlichen filmtechnischen und stilistischen Kategorien Maßstäbe und revolutionierte das Blockbuster-Kino, indem es dessen pompöse Effektgewitter um Grips, Herz und eine teils fast schon zu vertrackte Story erweiterte, eine äußerst effektive Formel, die Nolan zwei Jahre später mit „Inception“ weiter perfektionieren sollte.
„The Dark Knight Rises“ funktioniert nach ähnlichem Muster, allerdings scheint sich das gemäß des derzeitigen Trends überlange filmische Schwergewicht gleich zu Beginn zu verzetteln: Der Story ist teilweise nur schwer in allen Details zu folgen, zudem werden allzu viele neue Charaktere eingeführt und Christian Bales abgewrackte, vor sich hin siechende Figur kommt im Endeffekt zu schleppend aus seiner Lethargie heraus; man möchte ihn gern anschieben, die Batman-Robe überstülpen und mit einem Tritt in den Allerwertesten vor die Tür setzen, damit er endlich mal wieder mit Verve Gotham von dem Bösen befreit. Und das Böse kommt auch diesmal wieder heftig daher: Tom Hardy ist als Bane einer der Kino-Bösewichte schlechthin. Wie bereits erwähnt, geht seiner Figur der Wahnwitz des Jokers völlig ab. Stattdessen bekommt es unser abgehalfterter Flattermann mit einem schier unbesiegbaren Koloss in Form eines angsteinflössend maskierten Kraftprotzes zu tun, dem scheinbar nichts und niemand heilig ist. Aus der Unterwelt der Kanalisation kämpft er sich hervor, und dazu braucht er weder ausgefallene Tricks noch den Gegner täuschende Gimmicks. Mit einer brachialen Brutalität geht er vor, wie sie im Mainstream-Kino selten zu sehen ist bzw. selten vom Publikum so selbstverständlich hingenommen wird: Ist halt Bane, beim dem gibt’s eben auf die Fresse. Aber sei’s drum, auch wenn Hardy aufgrund jener Maske seiner Figur das abgrundtief Böse nur mit Muskel- statt Mimikspiel und seiner Stimme, die in der deutschen Synchronisation allerdings auch zuweilen ins unfreiwillig Komische zu kippen droht, darstellen kann, ist seine Performance überaus beeindruckend. So sieht sich Christian Bale alias Batman ergo erneut mit einem Gegner konfrontiert, der ihm konsequent die Schau zu stehlen droht. Und dann wäre da ja noch Anne Hathaway als Catwoman: Sexy wie es zu erwarten war, schlagfertig und cool wie wir es uns erhofften und einfach besser als wir es alle dachten. Halle Berry dürfte sich freuen. Ihr lächerliches Katzenkostüm darf nun jedenfalls endgültig in ihrem Schrank zusammen mit der Goldenen Himbeere einmotten. Da schnurrt doch jeder Filmfan vor Glück.
Jedenfalls kann man es Christopher Nolan danken, dass er sich viel Zeit für die Weiterentwicklung des Charakters Bruce Wayne/Batman nimmt. Das ist in der ersten Hälfte des Spektakels allerdings zuweilen durchaus langatmig, lässt Nolan seinen Helden -man mächte fast ein „Anti-“ voranstellen- doch etwas zu oft scheitern und schmerzhaft Schläge einstecken, bis er denn endlich zu seiner überragenden Form zurückkehren darf. Dann allerdings, sobald, und so viel darf verraten sein, Gotham durch Bane eingenommen worden ist und die Verbindungen zur Außenwelt gekappt worden sind, entfesselt Nolan den schieren Wahnsinn. Unerbittlich wird nun die Spannungsschraube angezogen und während die losen Story-Fäden nahezu zufriedenstellend zusammengeführt werden, bekommt man ein atemberaubendes Action-Szenario nach dem anderen geboten, in welchen jede der Figuren ihre ganz eigenen Momente zugestanden bekommt. So versäumt es Nolan nicht, sowohl die Charaktere als auch die Story weiterzuentwickeln und zu einer leicht überzogenen, aber dennoch zufriedenstellenden Konklusion zu führen. Dabei versieht er das mit Hans Zimmers pompösem Gepolter untermalte Szenario der Gesetz- und Auswegslosigkeit stets mit innovativen Ideen, die sowohl das Herz des Actionfans als auch das des Cineasten gleichwohl höher schlagen lassen dürften. Zudem gibt es noch ein freudiges Wiedersehen mit Cillian „Scarecrow“ Murphy.
„The Dark Knight Rises“ ist die geglückte Pointe einer übergroßen Trilogie geworden und jegliche Kritik befindet sich in Anbetracht der inszenatorischen Klasse Nolans auf schwindelerregend hohem Niveau. Sicherlich wäre hier und da weniger mehr gewesen, aber letztlich schafft es der Regisseur, wider so mancher zu Beginn geschürter Befürchtungen, sowohl einen ordentlich lädierten Helden mit Pauken und Trompeten (nicht wahr, Herr Zimmer?) auferstehen zu lassen, als auch einen Bösewicht in Szene zu setzen, der mit den ganz großen und ganz ganz bösen Filmschurken in einem Atemzug in zukünftigen Filmgeschichtsbüchern genannt werden kann und sollte. Joseph Gorden-Levitt alias Blake (alias (…), wir wollen ja nicht spoilern) sowie Hathaway’s Catwoman ergeben zusammen ausreichend Stoff für drei filmische Batman-Ableger (ein paar dezente Hinweise, dass da ganz eventuell etwas auf uns zukommen könnte, gibt es in „TDKR“ ja auch) und sogar Michael Caine, dessen Figur in den beiden Vorgängern nur am Rande eine Rolle spielte, darf ihr nun Tiefe verleihen und bekommt dazu den Raum zugestanden, der ihm und seiner Rolle gebührt. Was will man also mehr: „The Dark Knight Rises“ strotzt vor fantastischen SchauspielerInnen in mehrdimensionalen und durchdachten Rollen, die Story ist intelligent (und suhlt sich zuweilen darin), wenn auch etwas zu humorlos in Szene gesetzt. Es kracht jedoch ordentlich und die Spannung steigt stetig, wohlgemerkt bei einer Lauflänge von 2 1/2 Stunden. Hier stimmt summa summarum also zwar nicht alles, aber doch sehr vieles, und der hier angesetzte Maßstab ist hoch, ja nahezu astronomisch. Nolans Batman ist eine Fledermaus im Höhenflug, und Kino der im besten modernen Sinne überbordenden Sorte.

Wertung: 8.0/10.

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