Über-Spoiler

Spoiler, Trailer, Teaser, Reviews oder Kritiken – die maßgebliche Existenz dieser audiovisuellen oder auch textuellen Wegweiser vor der Sichtung eines Films lassen sich nur schwer ignorieren. Denn nahezu jeder Mensch erfährt meist vor dem filmischen Erlebnis mehr über die anstehende bebilderte Reflexion auf der Leinwand oder des heimischen Screens als ihm eigentlich lieb ist. Wer sich daher ernsthaft mit der Rezeption eines Films auseinandersetzen will, muss seine jeweilige Erwartungshaltung nicht nur berücksichtigen, sondern auch dazu im Stande sein eben diese zu explizieren.
Frage an einen Film: ‚Ist er gut, schlecht oder doch eher so mittel?‘
Derartige Einordnungen sind nicht wirklich sinnvoll, wenn es um Texte geht, die sich mit der Rezeption von Filmen in Form von Kritiken und Reviews befassen. Kritik benötigt einen Maßstab, an der sie sich ausrichtet. Dieser Maßstab konstruiert sich aus der Vielzahl all jener Einflüsse, derer gänzlichen Einwirkung wir uns schlichtweg nicht entziehen können. So können wir es zwar schaffen einem Trailer zu entgehen, dessen Funktion leider viel zu selten mehr ist als ein 2-minütiger Aufguss aus den vermeintlich besten Szenen, es dagegen nahezu unmöglich ist überhaupt auf einen Film aufmerksam zu werden, ohne nicht doch geringste Details bzgl. des Inhalts oder des Casts zu erhaschen. Und selbst dann haben wir nur jenen, direkt auf den nächsten Film unserer Sichtweise referierenden Aspekte Beachtung geschenkt und dabei all die vorherigen, durchaus im intermedialen/-textuellen Verbindungsgeflecht stehenden Eindrücke ausgeblendet, die dennoch unterbewusst weiterleben. Im heutigen Zeitalter macht uns die schier grenzenlose Vielfalt, das existente und leicht zu beschaffene Angebot einen Strich durch die Rechnung auch nur ansatzweise ordentlich Filme zu rezipieren. Vielmehr herrscht Chaos! Ein Filmreview hier, ein Schauspieler da, ein wenig Genreinformation dort und da hinten verrät noch jemand das Ende – natürlich alles aus post-moderner Sicht. Immer mehr deutet sich demnach scheinbar eine Korrelation zwischen vorherigem Einfluss und nachträglicher Rezeptionshaltung an. Keine wirklich bahnbrechende Erkenntnis, wohl aber eine erwähnenswerte, weil recht oft verdrängte!
Worum es hier nun nach der obigen Einleitung gehen sollte sind die unterschiedlichen Formen der Aufmerksamkeitserregung und deren Konsequenzen für den Film an sich und das folgende ‚Danach‘:
Mal ganz abgesehen von der filmischen Vorkenntnis eines Individuums, ist eben dieses bei Diskussionen ungeschützt sogenannten Spoilern ausgesetzt, die sich zunächst als spezifische Informationen (ohne Wertung) zum Film charakterisieren lassen. Jene können wiederum bloße Banalitäten wie die Kostümierung der Schauspieler umfassen, aber auch gravierende Twists in all ihrer Kürze verraten, sodass diese sich nurnoch rekursiv ohne Überraschungsmoment im Film erleben lassen. Dass dabei der ‚Lebenshauch‘ eines Films zutiefst erschüttert werden kann, dürfte vielen bereits bekannt sein. Wohlgemerkt: ‚erschüttert werden kann‚. Eine Verallgemeinerung wäre hier ebenso unangebracht wie die generelle Verteufelung jeglicher textueller Kritik an einem Film – (Evergreen: Jeder besitzt seine eigene Meinung über den Film und deshalb hat jeder seinen eigenen Geschmack und daher kann nicht diskutiert werden etc. [Derartige Denkweisen sind natürlich Humbug, führen aber gleichzeitig wieder zu einer anderen, hier irrelevanten Baustelle.]) Sofern man Spoiler nun als die allgemeinste Form der Aufmerksamkeitserregung ansieht, so wird man wohl auch nicht deren Balanceakt zwischen Appetitanregung, -verstimmung und absoluter -zerstörung anzweifeln. Die Art und Weise der spoilernden Informationsvermittlung ist der ausschlaggebende Aspekt. Wie es zu erwarten war existieren demnach gewisse Gattungen bzw. Formen, die wiederum unterschiedliche Elemente eines Films verschieden transportieren.
Die wahrscheinlich bekannteste Form des Spoilers ist der oftmals beliebte Trailer. Er soll den jeweiligen Film in aller Kürze promoten, vorstellen und Appetit anregen. Natürlich ist es ein offenes Geheimnis, dass hinter dem ca. 2-3-minütigen Zusammenschnitt eine auf Profitgier ausgerichtete Marketingstrategie lauert. Und eben diese startet nun ein hinterhältiges Spielchen mit dem meist auf Unterhaltung getrimmten Mainstreamzuschauer. (Was nicht bedeuten soll, dass ausschließlich dem Mainstream angehörige Zuschauer Trailer schauen oder gar mögen!) Es ist zweifellos ein herber, die Linearität des Films zerstörender Eingriff, den die Werbeindustrie da immer und immer wieder vornimmt, den Zweck über die Mittel stellend; nichts ist mehr heilig, nichts bleibt mehr unangetastet, alle Register werden gezogen – nur um dem Zuschauer das Geld zu entlocken – auch vor einem pinibel durchkomponierten, filmischen Kunstwerk wird nicht halt gemacht. Ebenso diese polemische Darstellung ist keine wirklich bahnbrechende Erkenntnis, wohl aber eine erwähnenswerte, weil recht oft verdrängte! Jetzt stellt sich durchaus die Frage, warum sich Trailer (trotzdem) einer derart großen Beliebtheit erfreuen; sind sie doch offensichtlich ein Missbrauchsobjekt zur Meinungsmache, die eben nicht auf das eigentliche, zuschauerzentrierte Filmerlebnis ausgerichtet sind, sondern im Wesentlichen das profitzentrierte Filmergebnis im Sinn haben. Demnach ist es aus Sicht der Produktionsfirma naheliegend das sogenannte ‚beste‘ Material für den Trailer zu verwenden, völlig egal ob es rein visueller oder aber doch inhaltlicher, zusammenhangstiftender Natur ist. Es bauscht sich insgeheim eine Kluft auf, die der Zuschauer seiner Rezeptionshaltung nach dem Film schlichtweg nicht mehr entnehmen kann. Er ist sich seiner anfänglichen Erwartungen nicht mehr bewusst und bewertet Filme womöglich schlechter/besser/anders aufgrund des geringer ausfallenden Überraschungseffekts. Dabei wäre es bei vollständiger Ignoranz des Trailers erst gar nicht zur halbgaren Schnipsel-Vorschau gekommen, wodurch ein ‚anderes‚ Filmerlebnis stattgefunden hätte. Wohlgemerkt: anderes. Die Eingangsfrage an einen Film lautete: ‚Ist er gut, schlecht oder doch eher so mittel?‘ Die Antwort bleibt die gleiche wie oben. Dieser Text gibt einen Hinweis zur ausgiebigeren Auseinandersetzung mit der eigenen Rezeptionshaltung und eben keine Anleitung dafür, was richtig bzw. falsch ist. Trailer unterhalten für den Moment zweifellos, doch der Preis kann ein sehr bitterer, nicht im Verhältnis stehender sein, der sich nicht nur auf den Geldbeutel auswirkt.
Eine weitere, dem Trailer ähnliche Gattung ist der sogenannte Teaser. Dessen übergeordneter Zweck ist zwar derselbe, jedoch transportiert er seinen Inhalt in abgeschwächter Form, in wahrhaftig aller, teils sekündlichen Kürze. Man könnte sogar dazu neigen eine derartige Sichtung für empfehlenswert zu halten, wäre da nicht die verschwindend geringe Relevanz eben dieser Form. Schließlich tritt der Teaser lediglich in einem sehr frühen Stadium der Filmproduktion in Erscheinung, das noch recht wenig Bild- und Tonmaterial liefert. Wieder einmal ist das Filmerlebnis des Zuschauers dem Filmergebnis der Produktionsfirma untergeordnet, obwohl wiederholt augenscheinlich ein positiver Effekt für den Zuschauer vorgeschoben wurde. Wenn man also ernsthaft vor der Sichtung eines Films bereits Bildmaterial sehen will, sollte man einen Teaser bevorzugen, sodass die dort erworbenen, kurzen Erfahrungen keinen wesentlichen Einfluss auf die spätere Rezeptionshaltung nehmen können.
Von den audiovisuellen Spoilern sind nun die textuellen abzugrenzen: Während ein Review den Film aus einer exponierten Sichtweise „Revue passieren“ lässt, ohne dabei explizit auf inhaltliche Geflechte einzugehen, zieht eine Kritik alle Register, um einen Film auf einer gemeinsamen ‚Post-Ebene‘ möglichst transparent zu machen. Demnach soll ein Review nach Möglichkeit den Appetit anregen, Aufmerksamkeit erregen bzw. einen Abgleich mit dem Leser ermöglichen, der seine jeweils eigene Erwartungshaltung – über/mittels/durch den Text – in Beziehung zum eigentlichen Film setzt. Eine Kritik soll dagegen auf nichts mehr Rücksicht nehmen, was vor eine Sichtung hätte beeinflussen können, sondern direkt zu einer nach dem Film stattfindenden Reflexion anregen. Folge: Wenn man selbst als potentieller Leser einen Film noch nicht gesehen hat, eignet sich ein Review zur weiterführenden Informationsbeschaffung, während eine echte Kritik erst nach dem Filmerlebnis für eine weitere Auseinandersetzung gelesen werden sollte – (Diese Kategorisierungen sind spezieller Natur und treffen erstmal ausschließlich auf ‚SiameseMovies‘ zu, da ein jeder, anderer Textautor auch eine abweichende formale Auffassung haben kann. [Eine Kennzeichnung erfolgt auf dieser Seite mittels der Tags ‚Filmreview‘ und ‚Filmkritik‘, die so eine eindeutige Abgrenzung ermöglichen]).
Zu allem Überfluss ist die hier gegebene Auswahl der Spoilergattungen nur die Spitze des Eisberges. Nicht weiter einzugrenzende, mündlich vermittelte Formen erreichen uns täglich, teils offensichtlich im privaten Bereich, jedoch vor allem versteckt in der Werbemaschinerie der hypertextuellen Landschaft, genannt: Internet. Wie bereits eingangs erwähnt ist ein völliger Entzug bei einer regelmäßigen Nutzung unmöglich und auch nicht sinnvoll, da zumindest eine verschwindend geringe Anzahl an Informationen vorhanden sein muss, um die bewusste Entscheidung für die Sichtung eines Films überhaupt zu ermöglichen. Jedoch ein Bewusstsein für die eigene Erwartungshaltung aufzubringen, dürfte im Interesse eines jeden begeisterten, die Kunstform Film unterstützenden Zuschauers liegen. – Daher dieser Text.

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